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Thema: Siegerehrung
inselchen* (offline)
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Beiträge: 17030
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Deutschland
icon1   Siegerehrung #1 Datum: 22.08.2009, 21:07  



Siegerehrung


Der Friedenswettbewerb 2009 war wie viele Wettbewerbe ein voller Erfolg, es kamen so gute Texte, dass die Entscheidung sehr schwer fiel. Wieder mal musste die Jury entscheiden zwischen sehr guten Werken, eigentlich müssten alle hier Erwähnten auf dem obersten Treppchen stehen. Aber bei einem Wettbewerb muss nun mal eine Entscheidung fallen und so beglückwünschen wir zwei Sieger. Eine Siegerin aus dem Bereich Gedichte und einen Sieger aus dem Bereich Geschichten.

Der erste Preis ging beim folgenden Thema an:

Gedichte, Aphorismen und Co

Sonja Rabaza mit "Sieh mich an"

Geschichten

Bernd Rosarius mit "Himmelfahrtskommando"


Die Siegerbeiträge

Sieh mich an

Die Farbe meiner Haut
ist nicht wie deine
doch wenn du sie berührst
weißt du, sie besitzt dieselbe Zartheit

Wir sprechen nicht
die gleiche Sprache
doch wenn unsere Herzen reden
werden wir uns verstehen

Auch unterscheidet uns
unser Glaube
doch Toleranz und Respekt
lässt jedem seine Freiheit

Einmalig,
von Gott gewollt
sind auch wir beide
ein Teil des Ganzen

(c) Sonja Rabaza

Himmelfahrtskommando

Tagesbefehl am 24. Mai 1941.
Sprengung der Brücke, 100 Meter hinter der feindlichen Frontlinie.
Fünf Freiwillige vor!
Freie Entscheidung bei Planung und Durchführung.
Die fünf Mann sind wir von der Pionierkompanie 81c der 3 Infanteriebrigade.
Wir sind mit Sprengstoff, Handgranaten, Waffen aller Art gut ausgerüstet.
Was uns fehlt, ist eine Spezialausbildung. Wer wird in dieser Zeit noch ausgebildet? Wir sind deutsche Landser, die besten Soldaten der Welt und hilft uns nicht der Führer, so hilft uns Gott.
Ich führe Tagebuch!
Sollten wir diesen Kraftakt nicht überleben, so sollen diese Zeilen bezeugen, dass wir bis zum letzten Blutstropfen unsere Pflicht für Führer, Volk und Vaterland erfüllt haben. Möge uns die Nachwelt dafür dankbar sein.
Wir haben uns entschlossen, einzeln zu der Brücke vorzustoßen. Sollte einer die Sprengladung nicht anbringen können, haben wir noch 4 Versuche. Wir haben unsere Stiefel mit Mokkasinns vertauscht, um möglichst nach indianischer Art Begleitgeräusche zu vermeiden. Unsere Stellung ist eine alte sehr morsche Holzhütte und das Ziel ist zehn Minuten von uns entfernt.
Jeder von uns hat genug Sprengstoff am Körper um es fachgerecht anbringen zu können. Das zumindest ist gewährleistet, das haben wir gelernt.
Der erste Kamerad ist bereit.
Sein Gesicht ist blass, leer und ausdruckslos. Er öffnet vorsichtig die quietschende Holztür. Vogelgezwitscher dringt zu uns ans Ohr. Kurz denke ich zurück an die Kinder und an die Jugendjahre, an das Toben auf Wiesen und Felder, an die Gerüche und Sonnenstrahlen im Sommer und an die klirrende Kälte im Winter. Schnell kehre ich zurück in das Hier und Heute, in die Wirklichkeit des Krieges, in die Angst die uns beseelt.
Der Kamerad in der Tür dreht sich noch einmal um und lächelt uns zu, dann schließt er die Tür hinter sich und entgleitet in die Nacht.
Er ist der Erste, wir warten.
Der zweite Kamerad rüstet sich. Wir schweigen und doch verstehen wir uns auch ohne Worte. Wir wissen, dass die erste Chance vertan wurde. Gott hab ihn selig.
Wieder öffnet sich die Tür, wieder Vogelgezwitscher, ein Lächeln und schweigen.
Er ist der Zweite, wir warten.
Mein Gott die Hoffnung schwindet. Wir dürfen nicht versagen, wir sind noch zu dritt.
Der dritte Kamerad wirft einen flüchtigen Blick auf seine Uhr. Es hatte den Anschein als wolle er etwas sagen aber Nein, er schweigt. Ich glaube eine Träne auf seiner Wange erkannt zu haben aber ich hab mich geirrt. Das schwache Licht des Mondes, das durch die Ritzen unserer Hütte dringt, zeigt es deutlich, die Träne auf seiner Wange ist eine der vielen Schweißperlen. Tür öffnen, Vogelgezwitscher, kein Lächeln, schweigen.
Er ist der Dritte, wir warten.
Mein vierter Kamerad steht auf und schwankt, ich sehe es genau, er schwankt. Sein Gesicht ist starr auf mich gerichtet, er will etwas sagen, er muss etwas sagen. Ich kann nicht sprechen, denn zum erstenmal spüre ich den Schweiß auf meiner Stirn. Will er sprechen? Nein er schweigt. Ich will ihm sagen: gehe nicht, aber wie verwerflich ist solch ein Gedanke. Der Führer, das Vaterland braucht uns.
Ich höre das Knarren der Tür nicht mehr, kein Vogelgezwitscher, ich sehe kein Lächeln mehr und spüre nur ein erdrückendes Schweigen.
Er ist der Vierte, ich warte.
In diesem Raum haben wir gesessen, keiner hat etwas gesagt, sie alle kannten ihre Aufgabe und gingen ihren Weg. Ich halte es nicht mehr aus, raus aus der Hütte, ich muss ihnen nach.
Ich öffne die Tür, kein Vogelgezwitscher, kein Lächeln, ich schweige.
O mein Gott was ist das? Mein Kamerad kommt zurück. O Freude es ist vollbracht, Rettung in letzter Sekunde, ich will vor Freude schreien und doch … komm Kamerad noch einige Meter dann ist es geschafft. O Himmel er bleibt stehen, er schüttelt den Kopf und sackt zusammen. Da liegt sein massiger Körper im Geäst und Blut sickert aus seinem Rücken.
Ich schließe die Augen und bette meinen Kopf an die Zarge der Tür.
Nun muss ich gehen. Du Stück Papier in meiner Hand, Dokument meiner Zeit, Du bleibst zurück. Komme ich wieder, fahre ich fort auf Dich mit heißem Herzen zu schreiben. Falls nicht, lege vor der Welt Zeugnis ab.
Kleines Dokument, Schriftstück meiner letzten Gedanken, lebe wohl.
Ich bin der Fünfte, wer wartet?

(c) Bernd Rosarius


Wir gratulieren den Siegern herzlichst, sie erhalten einen Buchpreis mit persönlicher Widmung.

Die Inselchenjury
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inselchen* (offline)
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Beiträge: 17030
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Deutschland
icon1   Re: Siegerehrung #2 Datum: 22.08.2009, 21:09  



Weitere sehr gute Gedichte und Texte, die in die engste Auswahl kamen und die man unbedingt lesen sollte:
(Zur Erinnerung: Jeder Autor durfte 3 Beiträge einreichen)


Gedichte

Friedenstaube

Friedenstaube schwebte sachte
ihr Interesse, es erwachte
sie wollte helfen, als sie sah
was unten auf der Welt geschah

Sie ließ sich treiben mit den Wolken
ließ ihren Blick zwei Kindern folgen
sie warn vertieft in einen Streit
der Friedenstaube tat dies Leid.

Eine weiße Feder fiel unversehrt
auf das Haupt der Kinder unbemerkt
sie nahm den Streit tief in sich auf
und wehte wieder sanft hinauf.

Friedenstaube schwebte sachte
hörte, dass es unter ihr krachte
flog auf eines Baumes Wipfel
und entdeckte ein Kind am Muttersrockzipfel

Eine weiße Feder fiel unversehrt
hatte sich in Sekunden zu Hunderten vermehrt
schoben eine Mauer zwischen Kind und Trümmer
dass es für das Kleine nicht werde noch schlimmer
nahmen die Zerstörung tief in sich auf
und wehten zu Hunderten wieder hinauf.

Friedenstaube schwebte sachte
und spürt' wie jemand Böses dachte
erkannte ein Kind an fremder Hand
da flocht aus Federn sie ein Band.
Weiße Federn fielen unversehrt
verwandelten das Böse unbemerkt
nahmen es tief in sich auf
und wehten wieder zum Himmel hinauf.

Friedenstaube schwebte sachte
sah, dass sie's nicht alleine schaffte
konnte nicht alle Kinder retten
in ihre kleinen Seelen Frieden einbetten

ließ alle Federn auf gute Menschen regnen
damit sie dem Bösen mit Mut begegnen
zu helfen der Zukunft unserer Welt,
wie wär's um sie ohne Kinder bestellt?

Friedenstaube fiel wie ein Stein
konnte nicht ohne Federn sein


(c) Christa Kuczinski


Unheilbar ...?

Vor mir Neid,
um mich Streit,
unnütz Leid.

- und niemand befreit
die Alltäglichkeit
von ihrer Kleinkariertheit ...

(c) B. Schilling, 2009
HP: www.angenehme-vorstellung.de


Der Traum

Schweißgebadet gestern Nacht,
bin ich plötzlich aufgewacht.
Dunkel war`s im Raum
bös` zuvor mein Traum.

Tief geschultert das Gewehr,
der Stahlhelm drückt im Nacken sehr.
Auf dem Rücken Sturmgepäck,
Stiefelspitzen schwer von Dreck.

Kamerad "Hurra" so ziehe mit,
gleich neben mir in Schritt und Tritt.
Mit Gesang aus frohem Munde,
Links-zwei-drei Marsch in die Runde.

Heute noch da wird`s geschehen,
dem Feinde gegenüberstehen.
Wir hören Donner, Bersten, Krachen,
wir können uns Gedanken machen.

Doch die Angst auf dem Gesicht
sieht unser Kompaniechef nicht.
Das Gewehr fest in der Hand,
Sprung auf marsch marsch, rein in das Land.

Blitze zucken hier und dort,
das Chaos zieht uns mit sich fort.
Neben mir schon schlägt es ein,
getroffen ist mein rechtes Bein.

Ich stürze hin und sehe` mein Blut,
ich schrei vor Angst, ich schrei vor Wut.
Kameraden zieht mich raus,
für mich ist dieser Krieg jetzt aus.

Granatendonner, Schreie, Tod,
um mich herum ist bittere Not.
Ich hör`es weinen, jammern, toben,
Tiefflieger kommen jetzt von oben.

Der Kopf ist tief in Schlamm gedrückt,
das Sturmgepäck ist längst verrückt.
Es brennt im Rücken, reißt mich auf,
ich krieg`den Kopf nicht mehr hinauf.

Mir läuft das Blut aus Nase, Mund,
ich sterbe jetzt in dieser Stund.
Dunkel wird`s um mich herum,
alles ist verdächtig stumm.

Gestorben rasch im Feld der Ehre,
gefallen ohne Gegenwehre.
Nun lieg` ich wach im Kerzenlicht.
Es war ein Traum, mehr war es nicht.

(c) Bernd Rosarius, 1983


Geschichten


Isaak

Diese Nacht zog sich endlos in die Länge. Die Luft war fast verbraucht, es roch muffig und klamm in dem kleinen Bahnhofswarteraum. Die meisten der vielen Menschen hatten kaum ein Auge zugemacht. Kinder weinten überall. Mancher der Wartenden versuchte, irgendwie auf seinen Koffern oder Taschen zu schlafen, etwas zur Ruhe zu kommen, was aber nur schwerlich gelang. Durst plagte die allermeisten genauso wie die beißende Kälte, die bis in die Seelen der Eingesperrten eindrang.
Sie warteten auf den Tag. Auch Isaak wartete darauf. Auf einen neuen Tag im Herbst, einen schönen Tag im Oktober, auf einen Tag mehr in seinem Leben, der sich hinter den schmalen Fenstern diffus aus der Dunkelheit schälte.
Die Zeiger der beleuchteten Bahnhofsuhr zeigten genau sieben Uhr an, als plötzlich die Türe mit einem lauten Knall aufgestoßen wurde. Einige uniformierte Männer mit Maschinengewehren drangen rasch in den Saal.
»Jetzt geht‹s los, alle mir nach, schnell und zügig!«, brüllte einer von ihnen.
Die Menschen rafften sich auf. Wie ein Pilgerstrom ergoss sich die Schlange der Menschen über den nebelverhangenen Bahnsteig. Alte und junge Männer, alte Frauen, junge Frauen und Kinder. Ein paar Gleise weiter stand, kaum sichtbar in der nebligen Morgendämmerung, ein Zug. Über eine Treppe gelangten die Menschen auf die Rampe, die direkt ins Innere der Güterwaggons führte. Die Waggons waren mit Stroh ausgestreut. Es war altes fauliges Stroh. Ein Gestank aus Moder, Fäulnis und Schweinemist entwich durch die aufgeschobenen Türen in die kalte Morgenluft.
»Dort hinein!«, schrie einer der Soldaten, »immer fünfzig in einen Waggon!«
Ein junger Offizier stand am Eingang der Waggons und zählte. Er zählte, bis er die fünfzig erreicht hatte, dann schrie er: »Halt! In die anderen Wagen!«
Isaak trottete ergeben mit den anderen weiter zum nächsten Waggon. Es war eng und stickig im Innern .fünfzig Personen waren viel zu viele, einige der Menschen fanden keinen Sitzplatz mehr. In der Ecke des Waggons stand ein großer Bottich. Dort hinein sollten sie wohl ihre Notdurft verrichten, dachte Isaak. In einer anderen Ecke standen zwei Holzeimer mit Wasser. »Bestes deutsches Quellwasser«, wie einer der Soldaten höhnisch bemerkte. »Teilt euch die zwei Kübel gut ein, es gibt nichts mehr bis zur Ankunft!«
Dann schob er die breite Schiebetür des Waggons langsam zu. Ein großer Riegel wurde umgelegt. Es wurde dunkel im Innern. Fenster gab es keine, nur kleine, schräg gestellte Oberlichter, die kaum Licht und noch weniger Luft ins Wageninnere ließen. Isaak kauerte sich auf das Stroh und starrte durch das Oberlicht. Dann begann er leise zu beten. Er hoffte, dass sich der Zug bald in Bewegung setzen würde und sie schnell wieder heraus gelassen würden. Die beiden Männer, zwischen denen er saß, hatten ihre Augen geschlossen und irgendwann fiel auch Isaak in einen unruhigen Halbschlaf.
Noch über Stunden stand der Zug regungslos auf den Gleisen des Bahnhofs. Kinder quengelten, Alte Leute weinten und beteten laut zu Jehova. Alle verstummten für einen Augenblick, wenn draußen Rufe ertönten und Kommandos gebrüllt wurden. Auch Isaak, der von der zunehmenden Unruhe wach geworden war, betete wieder. Ab und zu blickte er nach oben, durch das Rechteck des Oberlichts, doch der dichte Nebel verweigerte ihm hartnäckig den Anblick des Himmels.
Seufzend betete er mit gesenktem Kopf weiter.

Er schätzte, dass es um die Mittagszeit war, als sich der Zug langsam und ruckend in Bewegung setzte. Grelles Sonnenlicht fiel durch das Oberlicht, wie Isaak erst jetzt feststellte. Er musste wieder eingenickt sein. Die Lokomotive, eine BR 52, spie fauchend Wasserdampf und Ruß aus ihren Schornsteinen und zog die aneinander gereihten Viehwaggons langsam hinter sich her. Die Luft wurde schnell stickig und schwül im Innern, die ausgeatmete Luft füllte die mit Brettern verschlagenen Waggons und erschwerte den Menschen das Atmen zusehends. Ein paar Meter neben Isaak lag eine alte Frau röchelnd im Stroh. Sie rang schon seit über einer Stunde nach Luft. Ihr Mann, genau wie die Frau sicher schon weit über 70 Jahre alt, saß neben ihr im Stroh. Den Kopf seiner Frau hatte er auf seinen Schoß gelegt. Mit seinen alten, zerfurchten Händen strich er ihr sanft über die Wangen. Dabei betete er leise. Mit der anderen Hand versuchte er, ihr etwas frische Luft ins Gesicht zu fächeln. Die Frau atmete schwer und laut. Isaak starrte auf den Stern, der auf ihrer Brust klebte und sich mit jedem Atemzug hob und senkte. Ein goldener Pappstern, der Judenstern. Auch ihm hatte man einen solchen Stern angeklebt, vor Monaten war das gewesen, als die Deutschen in Warschau wüteten und seine Glaubensbrüder und -schwestern ins Getto verbannten. Er hatte dieses hässliche Symbol aber schon einen Tag später wieder abgerissen. Jetzt, da er die alte Frau sah, fiel ihm diese Sache plötzlich wieder ein. Die meisten seiner Mitreisenden schienen den Stern zu tragen, soweit er das im Halbdunkel erkennen konnte.
»Soll ich ihr einen Schluck Wasser holen?«, fragte er den alten Mann. Der unterbrach sein Gebet und blickte Isaak mit stumpfen Augen an.
»Ja, bitte«, erwiderte er leise. Isaak zwängte sich quer durch den Waggon, vorbei an den Menschen, die ebenfalls unter der qualvollen Enge und der Hitze litten. Der Waggon holperte über unsichtbare Weichen und Isaak musste stehen bleiben und sich an der Wand abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sekunden später rollte der Waggon wieder mit gleichmäßigem Klacken weiter, irgendwohin, seiner Lokomotive hinterher. Isaak ging schwitzend und frierend zugleich weiter. Er fasste mit der alten, verrosteten Schöpfkelle Wasser. Dann zwängte er sich zurück durch den Moloch der keuchenden Leiber. Er kniete sich neben die alte Frau und gab ihr vorsichtig zu trinken. Sie trank mit gierigen Schlucken, doch dann begann sie plötzlich zu husten. Der Rest aus der Kelle versickerte im Stroh. Der alte Mann blickte Isaak verzweifelt an.
»Sie ist krank, seit Tagen schon, aber es gibt ja keinen Doktor!«
»Ich weiß«, entgegnete Isaak und hob die Kelle auf. »Was hat sie denn?«
Der alte Mann strich seiner Frau zärtlich über die feuchte Stirn. »Sie hat schon tagelang Fieber. Ich weiß nicht, was los ist mit ihr. Sind sie Arzt?«
Betroffen blickte Isaak den Alten an, in dessen Augen er Hoffnung schimmern sah. »Leider nicht, aber ich kann eines tun für Ihre Frau, ich kann für sie beten - wenn Sie möchten. Ich bin – ich war Rabbiner.«
Der alte Mann nickte und lächelte Isaak an. Eine Träne lief ihm über die Wange, rollte über Mund und Kinn. Isaak griff in seine Tasche und zog ein weißes Tuch hervor. Damit wischte er dem Alten das Gesicht trocken. »Es wird alles gut werden, Sie werden schon sehen, alter Mann.«
Die zerfurchte und knochige Hand des Alten griff nach Isaaks Arm. Seine Augen waren glasig und feucht. »Ich ... ich möchte nicht sterben, nicht ohne meine Esther, verstehen Sie mich?«
Isaak schluckte. Dann nickte er und entgegnete; »Ich verstehe Sie. Aber ich glaube, Sie müssen keine Angst haben. Wie heißen Sie eigentlich?«
»Israel Johmer«, erwiderte der Alte, »und das ist meine liebe Frau Esther.«
»Ich werde Sie in mein Gebet einschließen Israel, Sie und Ihre Esther!«
Isaak stand auf und brachte die Kelle zurück. In irgendeiner Ecke des Waggons schrie eine Frau auf. Minutenlang schrie sie, von heftigen Krämpfen geschüttelt. Ihr Mann versuchte, sie zu beruhigen, aber es gelang ihm zunächst nicht. Ein Kind fing an, lautstark zu weinen. Es brüllte nach Wasser, das es kaum noch gab. Andere Kinder verlangten ebenfalls nach Trinkbarem. Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung erfasste immer mehr Menschen. Isaak blickte durch das Oberlicht in einen wieder grau gewordenen, nebligen Himmel, lauschte auf das gleichmäßige Stakkato der Räder und betete. Irgendwann kauerte er sich zwischen die schwitzenden, stinkenden Leiber der anderen in das Stroh und schlief trotz der ihn umgebenden Unruhe ein.

Nach seinem Gefühl waren sie schon mindestens zwölf Stunden unterwegs. Das Grau des Nebels war dunkler geworden. Offenbar dämmerte es bereits. Die qualvolle Enge und die Hitze waren unerträglich geworden. Die zwei Eimer hatten bei weitem nicht ausgereicht, um den Durst der Menschen auch nur annähernd zu stillen. Die Menschen, vor allem die Kinder, litten qualvoll, aber fast alle fügten sich mehr oder weniger in ihr Schicksal. Die bohrende Frage nach dem »Wohin bringen sie uns?« wurde, je länger die Fahrt dauerte, mit jeder Minute lauter. Man spekulierte darüber, wo die Fahrt wohl enden würde. Angst und Unruhe kam erneut auf, steckten selbst die Besonnenen an. Der Kloakeneimer in der Ecke stank fürchterlich, viele litten unter Übelkeit und Brechreiz. Eine Frau musste sich lautstark übergeben und verursachte fast eine Panik unter den Umstehenden. An Schlaf war trotz der Erschöpfung aller nicht zu denken in diesem Moloch aus Menschenleibern, die zusammengepfercht waren wie Vieh in einem viel zu engen Stall.
Draußen hatte es zu regnen begonnen, wie Isaak auf der Scheibe des Oberlichts erkennen konnte, wo kleine Tropfen ins Innere fielen. Dieser schnell zunehmende Regen verschaffte wenigstens etwas Abkühlung .Die Tropfen klatschten prasselnd auf das Wellblechdach des Waggons. An einigen undichten Stellen tropfte Wasser ins Innere. Viele, zu viele versuchten, einen Platz an solch einer tropfenden Stelle zu bekommen und zu behaupten. Wie ausgedörrte Schwämme sogen die verzweifelten Menschen das Tropfwasser auf. Ein regelrechter Kampf entbrannte darum an einigen Stellen. Isaak beteiligte sich nicht daran. Er blieb einfach hocken, schloss die Augen und betete.

Später weckte ihn eine überaus beklemmende Stille im Innern des Waggons.
Eine gespenstische Stille, vom Prasseln des Regens und den rhythmisch klopfenden Rädern des Viehwagens abgesehen. Die Menschen waren verstummt. Niemand redete mehr, niemand weinte mehr, niemand betete mehr. In einigen Ecken lagen leblose Körper. Isaak hoffte, dass es keine Toten waren, aber die Tränen im Gesicht einer jungen Frau, die ihr Kind in den Armen wiegte, bevor sie es auf den Boden legte und zur Gänze mit einem fleckigen Tuch bedeckte, erzählten die Wahrheit. Tief im Innern spürte jeder, dass die Fahrt bald ein Ende hatte. Man wartete nur noch. Auf das Ungewisse, das nahende Furchtbare, das Unvorstellbare. Isaak blickte durch das hellgraue Oberlicht. Die Nacht war an ihm vorüber gegangen, hatte jedoch ihre Spuren hinterlassen.
Das Stroh auf dem Boden des Waggons war seit Stunden durchweicht und durch und durch nass. Die Menschen waren ebenfalls durchnässt, die Kleidung klebte schwer an den klammen, frierenden Leibern. Isaak spürte, dass die Lokomotive ihre Fahrt verlangsamt hatte. Der Zug durchfuhr jetzt kurz hintereinander einige holprige Weichen. Die Menschen wurden unsanft hin und her gedrängt, einige alte Leute verloren das Gleichgewicht und fielen, teils auf andere, teils auf den Boden. Immer langsamer wurde die Fahrt .Schließlich kam der Zug zum Stehen. Ein Ruck ging durch die Waggons, Bremsen quietschten, dann standen die Räder still. Aufgewühlte Stimmen drangen durch den peitschenden Regen. Viele verschiedene Stimmen. Es waren ausnahmslos Männerstimmen. Von fern hörte man Hundegebell, dann fielen mehrere Schüsse. Laute Kommandos wurden gebrüllt. Isaak hielt den Atem an.
Für einen Augenblick setzte sich der Zug noch einmal in Bewegung, stoppte dann aber abrupt wieder ab. Waggontüren wurden aufgeschoben. Waggon um Waggon wurde entladen. Tageslicht drang ins Innere, als die schwere Türe von einem Uniformierten zur Seite geschoben wurde. Irgendjemand brüllte; »Alle aussteigen, aber schnell!«
Isaak war geblendet vom Licht, die lange Zeit im Halbdunkel des Waggons hatte seine Augen empfindlich gemacht. Benommen drängten sich die ersten nach draußen. Isaak wartete noch etwas, ehe er ebenfalls ausstieg. Er suchte den alten Israel und dessen kranke Frau. Erst als kaum mehr Menschen im Wagon waren, entdeckte er ihn. Er saß in der Ecke, wo die Toten lagen. Seine Frau saß neben ihm, hatte den Kopf an seine Schulter gelehnt und blickte aus gebrochenen Augen ins Nichts. Isaak wollte zu ihnen gehen, doch eintretende Soldaten rissen ihn zurück.
»Raus hier! Mann, was für ein Gestank!«
Dann stand er plötzlich auf dem Bahnsteig. Der Regen hatte aufgehört und sofort kroch Nebel heran. Im Waggon hinter ihm fielen Schüsse. Jemand schrie, dann herrschte teilnahmslose Ruhe. Häftlinge in gestreiften Uniformen bestiegen die leeren Waggons und sammelten die Toten ein. Die, die es nicht geschafft hatten ,die vor Entkräftung oder Durst gestorben waren. Alte, meist kranke Menschen, aber auch Kinder. Und Esther und Israel. Sie wurden wie Müll auf einen bereitstehenden Lastwagen geworfen. Isaak blickte über die Köpfe der Uniformierten hinweg auf das umzäunte Lager, in dem schemenhaft Holzbaracken zu erkennen waren. Ein großes Schild war über dem Tor angebracht. »Arbeit macht frei!« stand darauf.
»Nein«, sagte Isaak leise und richtete den Blick auf das Gleis neben ihm, das nach wenigen Metern vom Nebel verschluckt wurde.
»Nur beten macht frei!«
Dann folgte er den anderen.

(c) Erich Schanda
www.erich-schanda.com


Der Frieden beginnt an der Zimmertür

Gerade sitzen wir, mein Schwager Denis, der immer einmal gerne nach
Feierabend zu einem Schwätzchen vorbei kommt, mein Mann Friedrich und unsere zwei gemeinsamen Söhne, gemütlich zusammen auf der Terrasse unseres Hauses.

Wie fast jeden Tag streiten sich unsere Söhne. An diesem Abend geht es um das Kinderzimmer, nachdem ich beiden aufgetragen habe, es endlich einmal aufzuräumen.
Seitdem, diskutieren die beiden lautstark, wem das Kinderzimmer gehört, welches sie gemeinsam bewohnen.
Unser Ältester ist der Ansicht, dass ihm die Ehre gebührt und sein kleiner Bruder in seinem Zimmer nur geduldet ist. Sozusagen als Untermieter, dem die unliebsame Aufgabe zufällt, aufzuräumen.
Genervt werfe ich meinem Mann einen Blick zu und wundere mich, dass er mit einem listigen Lächeln aufsteht, unsere beiden Söhne am Kragen packt und mit ihnen gemeinsam das Haus betritt.
Minuten später kann ich der irritierenden, wohltuenden Stille lauschen. Kurz darauf erklingt das glockenhelle Lachen der Kinder, als ob es nie einen Streit gegeben hätte.
Fragend sehe ich meinen Schwager an, der sich schmunzelnd, mit einem merkwürdig wissenden Gesichtsausdruck in seinem Stuhl zurück lehnt.
Als mein Mann sich dann ebenfalls grinsend, mit einem geheimnisvollen Päckchen unter dem Arm zu uns setzt und Denis bei diesem Anblick in ein herzliches Lachen ausbricht, ist es mit meiner Ruhe vorbei.
Neugierig geworden, wie Friedrich es in so kurzer Zeit geschafft hat, unter den Kindern Frieden zu stiften, frage ich ihn: „ Was ist denn in diesem geheimnisvollen Päckchen?“.
„ Ja weißt du, das ist eine lang zurückliegende Geschichte. Damals, als ich und Denis noch Kinder waren, hatten wir einmal den gleichen Streit wie unsere Söhne heute.
Jeder von uns beiden behauptete, dass ihm das Kinderzimmer alleine gehören würde. Bevor es in einem handfesten Streit enden konnte damals, bekam unsere Mutter des öfteren ein zerrissenes Hemd zum Flicken oder ein zerschrammtes Knie zum Verarzten, nahm uns unser Vater beiseite und drückte mir ein kleines Stück Holz Hand. Er trug uns auf, zu klären, wem von uns beiden das Zimmer gehören würde und wenn wir dies festgestellt hätten, sollte derjenige sein Namensschild an die Tür hängen.“
Denis zwinkert Friedrich verschwörerisch zu und erklärt weiter: „ Ich konnte damals zwar schon etwas schreiben, immerhin ging ich in die erste Klasse, doch Friedrich war wesentlich geschickter in handwerklichen Dingen.
Zudem fanden wir es sehr lustig, dass Vater meinte, uns damit gestraft zu haben. Das Gegenteil war der Fall, mit einer gemeinsamen Aufgabe war unser Streit schnell vergessen und wir machten uns begeistert an die Umsetzung unserer Aufgabe. Um Platz zu sparen entschlossen wir uns, nur unsere Spitznamen auf das Schild zu schreiben.
Das Namensschild hing dann Jahre an der Tür unseres Zimmers und immer wenn wir uns stritten und unser Blick dabei auf das Schild fiel, mussten wir darüber lachen und der Streit war vergessen.“
„Ich vermute jetzt einmal, dass du unseren Jungs das Schild gezeigt und ihnen die Geschichte dazu erzählt hast?“, frage ich mit einer Vorahnung, dass gerade in diesem Moment hinter einer Zimmertür, zwischen Stofftieren und Holzeisenbahn, zwei Kinder friedlich damit beschäftigt sind, ein gemeinsames Türschild zu bemalen.
Beide, Friedrich und Denis nicken auf meine Frage bestätigend mit den Köpfen und zwinkern sich verschwörerisch zu.
Als Denis dann das Päckchen vom Tisch nahm, es auswickelte und mein Blick darauf fiel musste auch ich schmunzeln. Denn darauf konnte man mit verblichener krakeliger Kinderschrift lesen:

Hier wohnt der: Fri eden !

(c) Christa Kuczinski


Die letzte Zigarette

Seltsam, eigenartig, unvorstellbar.
Ich habe keine Angst mehr, oder doch?
Meine Ohren hören nicht mehr die gewohnten Laute, meine Augen trennen nicht mehr das hell vom Dunkel. Meine Nase riecht nicht mehr die vertrauten Gerüche. Meine Sinne funktionieren nicht mehr in gewohnter Manier.
Es ist ein anderes riechen, ein anderes hören und ein anderes sehen. Ich bin anders geworden im Angesicht des Todes. Im Angesicht des Todes? Jawohl im Angesicht des Todes.
Vor mir sehe ich den schwitzenden Nacken meines Kameraden, meines ehemaligen Kameraden muss ich sagen. Sein Helm bewegt sich bei jedem Schritt ein klein wenig Auf und Ab. Neben mir, ich wage nur einen flüchtigen Blick, marschiert ein Kamerad, dessen Brille beschlagen ist, und in seinen Mundwinkel sich weißer getrockneter Speichel angesammelt hat. Hinter mir bläst schweratmend ein anderer Kamerad mir seinen schlechten Atem ins Genick. Ich versuche durch das Hochziehen meiner Schultern, dieses unangenehme Gefühl loszuwerden. Mein Angstschweiß, der sich in meinem Hemdkragen festgesetzt hat, ist noch weniger zu ertragen. Den anderen Kameraden, wohl zwanzig an der Zahl, schenke ich weniger Beachtung.
Sie bewegen sich alle im gleichen Rhythmus, sehen alle gleich aus und ich hege auch keinen Zweifel, dass sie alle das Gleiche denken. Ich bin der Einzige, der sich von ihnen, auch äußerlich erheblich unterscheidet.
Sie müssen mit geschulterten Gewehren marschieren, ich nicht! Sie müssen in ihren grauen Uniformen den säuerlichen Geruch ihres eigenen Schweißes einatmen, ich nicht! Sie müssen ihre Gedanken durch die Last ihrer Helme erdrücken lassen, ich nicht.
Arme Kameraden, einst zählte ich zu Euch. Ich teilte mit Euch das Wasser und Brot, das Erdloch und den Schützengraben. Nun teile ich mit Euch ein anderes Schicksal.
Heute werde ich exekutiert, morgen oder übermorgen seit ihr an der Reihe, entweder von den eigenen Leuten oder vom Feind. Ich bin ein Verfemter, ein Vaterlandsverräter, ein Unhold.
Ich müsste mich bedauern aber im Angesicht dieser kraftlosen Truppe kann ich nur lächeln und die Hitze genießen. Der Kamerad vor mir hat zwei kleine Kinder, die ihren Papa als Kriegshelden bewundern. Er hat mir einmal zwei Fotos gezeigt. Der eine Junge, ich glaube er heißt Klaus, möchte später Soldat werden, der andere möchte zur See fahren. Das Abenteuerblut haben die Kinder bestimmt nicht von ihrem Papa geerbt, wenn ich mir das armselige Würstchen hier betrachte. Kürzlich sagte er zu mir, wenn der Krieg zu Ende ist, musst du uns besuchen und eine Woche bei uns in Oberbayern wohnen. Wir haben dort ein sehr schönes Anwesen. Wenn meine Lage nicht so ernst wäre, müsste ich lachen. Ernst ist meine Lage sicherlich.
Ich lag in der ersten Stellung und sollte auf einen waffenlosen verwundeten Kriegsgegner schießen. Ich verweigerte den Befehl und alles ging dann ziemlich schnell: eigene Entwaffnung, Abtransport zum Arrest, Standgericht gestern und heute das Ende. Hundesohn nannte mich mein Kompaniechef und mein Gott, wäre ich der Sohn eines Hundes, ginge es mir besser. Ich kann die monotonen Stiefeltritte nicht mehr hören, Gleichschritt eins, zwei, drei. Ich warte auf den Befehl „rührt euch ein Lied“ doch der Befehl kommt nicht, die verstaubten und verklebten Münder meiner Kameraden bleiben stumm. Mir entgeht nichts. Ich stelle fest die Gruppe steht. “Stillgestanden“ ruft der Hauptmann und keiner der Kameraden bewegt sich mehr. Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich etwas, was mich zum Lachen animiert. Ein Soldat versucht verzweifelt seine auf die Nasenspitze verrutschte Brille ohne auffällige Bewegung in die alte Stellung zurückzuzwingen. Das ängstliche Sausen in meinen Ohren nimmt zu. Wir sind am Ziel und ich sehe die unfreundliche Rundsäule, die mich in meiner letzten Sekunde, umschlungen halten wird. Ich spüre plötzlich keine Angst mehr. Endlich weg aus dieser Hölle, keinen Leichengeruch mehr, kein Granatfeuer, keine Schreie und keine Schmerzen mehr. Jetzt spüre ich kräftige Kameradenhände an meinen Armen. Sie führen mich auf die Säule zu. Ich spüre nicht mehr den Boden unter meinen Füßen, ich scheine zu schweben. Die Säule eilt auf mich zu. Hart spüre ich seinen Griff in meinem Rücken und ich erlebe nun am eigenen Körper das, was ich im Kino immer sehen konnte. Arme auf den Rücken, Lederriemen um Säule und Handgelenke, Lederriemen um Säule und Beine. Ein breiter Lederriemen um Säule und Brust. Man will mir die Augen verbinden, ich verneine, will alles sehen, möchte bis zum Ende dabei sein. Mir gegenüber bauen sich die Kameraden kreisförmig auf. Wo ist der Soldat mit der Brille? Ob sie ihm noch immer auf der Nasenspitze sitzt? Grüße deine Frau und Kinder. Ich sehe ihn nicht. Ich spüre nicht die Schärfe der Lederriemen, obwohl sich das Blut in den Adern staut. Eben fragt mich der Hauptmann nach meinem letzten Wunsch. Ich bitte um eine Zigarette, eine letzte Zigarette, Lebensaufschub für drei Minuten. Nein, keinen Gruß an Vater und Mutter, nur das nicht, jetzt nicht an die Heimat denken. Man schiebt mir eine Zigarette zwischen die Lippen, die letzte Zigarette, nur solange habe ich noch Zeit. Was soll ich denken? Die Zigarette hängt in meinem Mundwinkel so leb und willenlos und qualmt vor sich hin. Was soll ich denken? An wen soll ich denken? Warum soll ich denken? Beten, warum? Schreien, weshalb? Weinen, aus welchem Grund? Immer noch hängt die Zigarette leblos in meinem Mundwinkel und verglimmt.
O Himmel es erschallen Befehle. Die Kameraden legen ihre Gewehre an die Schulter. Alles schwimmt vor meinen Augen. Ich sehe Mündungsblitze, spüre den Schlag auf meiner Brust, die zu zerspringen droht.Gott lass mich schnell die Klippe überspringen.


© Bernd Rosarius, 1968

Die Jury gratuliert herzlichst zu den hervorragenden Beiträgen!!! Da diese Beiträge so erstklassig waren, erhalten die Autoren auch einen Buchpreis.

Das Inselchen-Team bedankt sich auch bei allen Juroren sehr herzlich, die eine neutrale Entscheidung ermöglicht hat!
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gabi (offline)
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icon1   Re: Siegerehrung #3 Datum: 23.08.2009, 08:07  

ich gratuliere den siegern und allen anderen teilnehmern. richtig tolle texte. da hätte ich nicht jury sein wollen.
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inselchen* (offline)
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icon1   Re: Siegerehrung #4 Datum: 23.08.2009, 09:00  

Ich auch nicht, liebe Gabi, ich hab mich da ganz rausgehalten. Jooo
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Wolf (offline)
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icon1   Re: Siegerehrung #5 Datum: 23.08.2009, 10:49  

Auch von mir herzlichen Glückwunsch den Gewinnern - sowohl das Gedicht von Sonja hat den Friedenspreis verdient, weil es direkt von Versöhnung feindlicher Kriegsparteien handelt (mit einem Hauch von der Ringparabel Zwinkern ), aber auch Bernds Geschichte hat den Sieg verdient, weil er authentisch erzählt und somit das Widermenschliche, Schreckliche und stets Tödliche einer solchern Kriegssituation vor Augen hält.

Prima gemacht! freuendes Smilie

Liebe Grüße
Wolf Opa
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Hakket (offline)
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icon1   Re: Siegerehrung #6 Datum: 23.08.2009, 13:56  

Gratulation an alle!

Gruß
Hakket
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Gerlinde Franziska (offline)
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icon1   Re: Siegerehrung #7 Datum: 23.08.2009, 19:51  

Herzlichen Glückwunsch an alle, die so gut schreiben können.
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Gast









icon1   Re: Siegerehrung #8 Datum: 23.08.2009, 19:58  

meine gratulation euch beiden von herzen !!!!

mit umärmelung und bravo!!! gg

und auch meine gratulation allen teilnehmern!
Sonnenblume


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Sonja Rabaza* (offline)
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Die Richtung des Windes kann ich nicht bestimmen aber ich kann meine Flügel stärken, damit ich mein Ziel dennoch erreiche

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icon1   Re: Siegerehrung #9 Datum: 23.08.2009, 20:16  

DANKE Ihr Lieben! Ich möchte auch allen anderen, die an dem Wettbewerb mit so großartigen Beiträgen teilgenommen haben
gratulieren - wir sind alle Gewinner! Liebe
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Gast









icon1   Re: Siegerehrung #10 Datum: 23.08.2009, 21:39  

Ich gebe zu,ich war überrascht, freudig überrascht.
Ich danke Euch recht herzlich für die Glückwünsche.
Jeder Beitrag gehört auf ein Podest.
Es sind alles Sieger.
freuendes Smilie Friedliche Diskussion
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Gast









icon1   Re: Siegerehrung #11 Datum: 23.08.2009, 23:09  

Auch ich möchte mal Bernd Rosarius und Sonja Rabaza von Herzen gratulieren,
tolle Texte Lächeln
Winnerle

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