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Thema: Leah Schurr, Das gemeinsame Lichterfest
inselchen* (offline)
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Beiträge: 17030
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Mitglied seit: 27.09.2005

Deutschland
icon1   Leah Schurr, Das gemeinsame Lichterfest #1 Datum: 11.11.2005, 04:13  

Das gemeinsame Lichterfest

Winter – die Zeit der Ruhe, Besonnenheit und inneren Einkehr. Es wird früh dunkel; die vierte Adventskerze ist verlöscht und schon steht Weihnachten vor der Tür. Aus so manchem Haus steigt verlockender Duft von Zimt und Bratäpfeln bis auf die matt beleuchteten Straßen der Vorstadtsiedlung.
Sabina zieht sich die Mütze tief ins Gesicht. Morgen ist Heilig Abend und es ist kalt geworden. Es hat sogar ein bisschen geschneit, aber die kleinen Eiskristalle sind in der Mittagssonne hinweg geschmolzen. Jetzt weht ein rauer Ostwind, der durch ihren dicken Mantel dringt und in jede Pore ihres Körpers zieht. Sabina schiebt ihre Hände tief in die Manteltaschen. Die Tüte mit den selbst gebackenen Keksen hängt schwer an ihrem Arm. Nur noch ein paar Meter, dann ist sie endlich am Ziel.
Eine etwas mollige Frau mit dunklen, zurück gebundenen Haaren öffnet ihr die Tür.
„Bei dem kalten Wetter wagst du dich noch nach draußen?“, ruft Frau Osinsky erstaunt. Schnell schiebt sie Sabina in die warme Stube. „Hereinspaziert, mein Kindchen. Leg deinen Mantel ab und wärme dich ein wenig auf. Ich werde Josepha holen, sie freut sich sicher sehr, dich zu sehen.“
Während Frau Osinsky hurtig die Treppe nach oben läuft, zieht Sabina die große Schachtel mit Gebäck aus ihrer Plastiktüte und stellt sie auf den Tisch. Zimtsterne, Vanillekipferl und Spekulatius. Sofort zieht weihnachtlicher Duft durch das Wohnzimmer von Osinskys. Ob ihnen das überhaupt Recht ist, überlegt Sabina. Schließlich feiern sie kein Weihnachten. Doch ehe sie lang überlegen kann, kommt Josepha hereingestürmt.
„Zimtsterne – wow! Meine Lieblingskekse!“ Sofort stürzt sie sich auf das weihnachtliche Gebäck. „Endlich etwas Leckeres und nicht nur Berliner! Bei uns gibt`s zur Zeit nur Fettgebackenes.“
Ich mag eigentlich gerne Berliner“, sagt Sabina und beobachtet ihre Freundin dabei, wie sie sich die Zimtsterne schmecken lässt. „Sag mal, ihr feiert doch euer Fest dieses Jahr auch um die gleiche Zeit wie wir Weihnachten?“
Josepha nickt und kaut eifrig weiter. „Richtig“, nuschelt sie. „ Am 25. Dezember zünden wir die erste Kerze mit dem Diener, der mittleren Kerze, an. Du weißt ja, jeden Tag eine weitere, bis alle neun Kerzen an unserer Chanukkia brennen – genau an Neujahr! Gut getimt, nicht wahr?“
„Was ich schon immer mal fragen wollte: Wieso fällt eurer Chanukka nicht immer auf das gleiche Datum?“, fragt Sabina neugierig. „Letztes Jahr war es doch vor Weihnachten, stimmt`s?“
„Wir richten uns nach dem Mondkalender“, ist plötzlich Frau Osinskys Stimme zu hören. „Dadurch verschiebt sich das Datum jedes Mal. Damit es nicht zu heftig wird und wir schon im Oktober Chanukka feiern müssen, wird alle sieben Jahre ein zusätzlicher Mondmonat eingeschoben. Somit halten wir die ganze Angelegenheit im Gleichgewicht“, sagt sie lächelnd.
„Mondkalender?“, echot Sabina. Davon kann sie sich gar keine Vorstellung machen.
„Nun ja“, erklärt Frau Osinsky geduldig, „ du kennst doch den Vollmond. Und den Neumond, wenn er mit einer schmalen Sichel am Himmel steht, nicht wahr?“
Sabina nickt. Bei Vollmond hat ihre Mutter immer Kopfschmerzen und kann nicht schlafen.
„Unser Monat beginnt mit dem Neumond und dauert 28 Tage. Euer Kalender aber sieht 30 oder 31 Tage für einen Monat vor. Aus diesem Grund verschieben sich unsere Feiertage nach eurer Rechnung ein wenig.“
„Ist das nicht altmodisch, so ein Mondkalender?“, fragt Sabina.
„Wieso?“, ruft Josepha laut, „er ist im Einklang mit der Natur. Ich frage mich überhaupt, warum ihr Christi Geburt im Winter feiert! Jesus lag in einer Krippe im Stall und die Schafe weideten draußen, das ist doch um diese Jahreszeit gar nicht möglich!“
Frau Osinsky winkt die dreizehnjährigen Mädchen mit einer beschwichtigenden Handbewegung zu sich heran. „Ehe eure Diskussion ausufert, mache ich einen Vorschlag: Was meint ihr dazu, wenn wir dieses Jahr Weihnachten und Chanukka zusammen feiern?“
Verblüfft sehen sich Sabina und Josepha an.
„Das ist nicht möglich“, meint Sabina und zieht ihre Stirn kraus. „Die Juden glauben doch nicht an Jesus.“
„Wir feiern die Befreiung unseres Tempels, den die Griechen vor langer Zeit verunreinigt hatten“, sagt Josepha. „Damals wurde ein kleiner Behälter mit Öl gefunden, das noch koscher war. Mit diesem Öl entzündete man die Lichter der Menora und es reichte normalerweise für einen Tag, aber dieses Mal hielt es acht Tage lang, bis wieder neues Öl aus Oliven gepresst werden konnte. Ein Wunder war geschehen und wir feiern es jedes Jahr aufs Neue. Mit Jesus hat es tatsächlich nichts zu tun.“
Frau Osinsky sieht die Mädchen nachdenklich an. Sie haben Recht, denkt sie, doch im gleichen Atemzug antwortet sie leise: „Chanukka heißt auch Lichterfest. Ihr Christen zündet viele Kerzen an, die am Weihnachtsbaum leuchten und Frieden in die Welt tragen sollen. Wir machen das gleiche, nur nicht an einem Baum, sondern an einem Kerzenleuchter. Auch wir wollen nur eins – Frieden.“
Sabina springt auf und ist ganz aufgeregt. „Natürlich! Warum bin ich nicht sofort darauf gekommen? Meine Mutter hat mir neulich einen Bericht aus Amerika vorgelesen. Dort feiern manche Juden und Christen schon länger ihre Feste zusammen. Sie nennen es Weihnukka!“
Josepha überlegt einen Moment, dann bekommt auch sie vor Begeisterung rote Flecken im Gesicht. „Das hört sich echt gut an! Super! Dann feiern wir auch Weihnukka …“
„… und steuern ein kleines bisschen zum notwendigen Frieden bei, der in unserer Welt so dringend nötig ist“, fügt Frau Osinsky hinzu und greift zum Telefonhörer. „Ich rufe deine Mutter an“, meint sie zu Sabina, „obwohl ich mir sicher bin, dass sie einverstanden ist.“

Anmerkung der Autorin: Weihnukka wird inzwischen auch in Deutschland gefeiert. Es gibt viele gemischte Familien, das heißt, Ehen zwischen Juden und Christen, die sich am amerikanischen Beispiel orientieren und beide Feste zusammenlegen. Von Pfarrern und Rabbinern wird diese Entwicklung nicht gerne gesehen. Ihre Meinung ist, dass die Feste zu verschieden sind. Allerdings geben sie zu, dass jeder den anderen achten solle. Wie man es auch handhabt – eine gemeinsame Sache bedeutet einen weiteren Schritt zum Frieden. Und den wollen die meisten von uns. Verschiedene Religionen sollten nicht trennen, sondern versinnbildlichen, dass unterschiedliche Wege existieren, um zum gleichen Ziel zu gelangen.

© Leah Schurr, 2005
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inselchen* (offline)
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icon1   Das ist Gemeinsamkeit #2 Datum: 11.11.2005, 04:15  

Liebe Leah, ich danke dir für das schöne Geschenk deiner Geschichte. Elfie
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ElfieNadolny (offline)
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icon1   Re: Leah Schurr, Das gemeinsame Lichterfest #3 Datum: 24.12.2015, 19:15  

Das passt heute mal wieder, danke Leah, du liebe Freundin. freuendes Smilie
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