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Herzlich Willkommen auf dem Weihnachts-Inselchen

Poesie, Fotos und mehr zu Weihnachten


 

..:~~ Weihnachtsmärchen ~~:..

Timmys großer Tag
Eine Nikolausgeschichte

Tims Augen glänzten. „Kommt der Nikolaus auch bestimmt hier vorbei?“, fragte er seine Mutter voll freudiger Erwartung. „Aber sicher, mein Kind“, antwortete sie ihm. „Er weiß doch, dass du hier wartest.“
Tim hatte seine kleinen Stiefelchen zum ersten Mal selbst geputzt und eines davon ganz besonders blank gerieben. Dieses wollte er auf das Fensterbrett stellen und hoffte, es am nächsten Morgen wohl gefüllt wiederzufinden.
Nachdem er sich mehrfach vergewissert hatte, dass der Stiefel auch wirklich ganz fest stand und nicht von irgendeinem Windstoß hinuntergeweht werden konnte, bat Tim seine Mutter: „Bitte mach du das Fenster zu, ich komme noch nicht ganz an den Griff heran.“ Seine Mutter schloss das Fenster, und Tim drückte sich noch fast eine halbe Stunde die kleine Nase daran platt, bevor er endgültig dem Drängen seiner Eltern nachgab, ins Bett zu gehen.

Er gab sich dann doch dem Argument seines Vaters geschlagen, der sagte: „Je eher du schlafen gehst, Timmy, desto eher ist Morgen und du kannst nachschauen, ob der Nikolaus da war.“

In dieser Nacht träumte der kleine Mann von vielen Geschichten, die allesamt in einer Winterlandschaft spielten, und mitten durch alle seine Träume hindurch fuhr ein großer alter Mann mit einem wilden Rauschebart und trieb die Tiere, die seinen Schlitten zogen, zur Eile an.
Kaum dass Timmy am nächsten Morgen seine Augen öffnen konnte, stürmte er schon voller Vorfreude zum Fenster, das seine Eltern in weiser Voraussicht bereits geöffnet hatten, bevor sie ihn weckten.

Sein Stiefelchen stand auch wirklich noch da, es hatte nicht hinab geweht werden können. Doch ach – Tims glänzende Augen begannen sich mit Tränen zu füllen, als er seinen Schuh von der Fensterbank nahm und weder Süßigkeiten noch Äpfel oder sonstige Leckereien darin vorfand. Das Stiefelchen schien leer, der Nikolaus musste wohl an Tims Elternhaus vorbei gefahren sein, ohne an ihn zu denken.
Doch halt – als Timmy mit seinem Händchen ganz tief in den Schuh hineinfuhr, da fühlte er etwas. Er zog es heraus und stellte fest, dass es ein kleiner Zettel war. Darauf stand – wie er Buchstabe für Buchstabe selbst entzifferte, da er bereits etwas lesen konnte (worauf er auch ganz stolz war):

„Lieber Timmy,
bevor ich dir etwas in dein Stiefelchen gebe, will ich mich doch lieber selbst davon überzeugen, ob du das auch wirklich verdient hast. Ich komme heute abend noch einmal hier vorbei.
Der Nikolaus.“

Timmy wusste nicht so recht, ob er noch enttäuscht sein, sich freuen – oder doch eher ängstlich an den kommenden Abend denken sollte. Trotz des etwas mulmigen Gefühls in der Magengegend fieberte er so den ganzen Tag dennoch überwiegend in freudiger Erwartung dem Abend entgegen. Denn er sollte ja immerhin den Nikolaus persönlich kennenlernen! Das war schon etwas ganz Besonderes! Alle seine Freunde würden staunen, da war er sich ganz sicher.

Die Stunden vergingen – doch nichts tat sich. Timmy fürchtete schon, der Nikolaus habe bestimmt vergessen, dass er nochmals bei ihm vorbeikommen wollte. Als er mit seinen Eltern gemeinsam beim Abendbrot saß, von dem er wegen der langsam aufkeimenden erneuten Enttäuschung kaum etwas essen konnte, da klopfte es plötzlich drei Mal ganz laut.
Timmys Eltern warfen sich einen erstaunten Blick zu, wer denn der späte Besucher wohl sein könne. „Ach, stimmt ja: Der Nikolaus hat sich ja bei unserem Sohnemann angekündigt. Das wird er bestimmt sein“, meinte sein Vater dann, stand auf und öffnete die Tür.

Und wahrhaftig: da stand ein großer alter Mann mit einem üppigen, langen Rauschebart, der bis weit die Brust hinab reichte. Gehüllt war der Besucher in einen weiten, roten Mantel mit einer riesigen Kapuze. Auf seinem Mantel blinkten überall Sterne in Gold und in Silber, und selbst der Mond war auf ihm zu sehen.
Über der Schulter trug der Fremde einen großen Sack, der mit allerlei schönen Dingen angefüllt schien, Timmy meinte, ein Bein eines Hampelmannes erkennen zu können. Allerdings hatte der Mann in der anderen Hand auch eine Rute, die das leichte Unbehagen in Timmys Magen noch verstärkte.

Eigentlich sah der Nikolaus – er musste es sein – genauso aus wie in seinen Träumen der vergangenen Nacht. Nur an die Rute hatte Timmy nicht gedacht – er hatte sie jedenfalls nicht gesehen. Aber da fiel ihm ein, dass der Nikolaus ja immer mit seinem Knecht Ruprecht unterwegs war, der die bösen Kinder mit der Rute bestrafte, wie er gehört hatte.

„Nun, Timmy, bist du denn auch wirklich immer ganz brav gewesen, hast deine Eltern nicht geärgert und schön in der Schule gelernt?“, richtete der Ankömmling seine Worte an unseren kleinen Freund.
„Ich habe dich im vergangenen Jahr zwar hin und wieder mal beobachtet – daher weiß ich auch, dass du seit kurzem ins erste Schuljahr gehst -, meinte dabei auch manchmal gesehen zu haben, dass du ungern zur Schule gegangen bist, ja, dass du deinen Willen mit lautem Schreien hast durchsetzen wollen?! Habe ich da wohl richtig gesehen – oder trügt mich meine Erinnerung und es war ein anderes Kind?!“

Zunächst konnte Tim nur abwechselnd mit dem Kopf nicken und ihn schütteln, er brachte einfach keinen Ton heraus. Doch dann beeilte er sich, zu versichern, er sei immer lieb gewesen (wozu seine Eltern lächelnd ihre Zustimmung gaben), der Nikolaus müsse sich bestimmt vertan haben. Bei diesen Worten blickte er angstvoll zur Rute in der rechten Hand des Nikolaus.
„Ja, mein Sohn, ich habe die Rute auch dabei. Meinen Knecht Ruprecht habe ich schon mal vorausgeschickt zu anderen Kindern, von denen ich sicher weiß, dass sie böse waren. Da ich mir bei dir nicht so sicher war, habe ich eine seiner Ruten nur mal mitgenommen – man kann ja nie wissen...“

Timmy versicherte nun dem Nikolaus, dass er auch immer gern zur Schule gehe. Es stimme wohl, dass er manchmal ganz kurz daran gedacht habe, es sei sicher viel schöner, zu Hause zu bleiben und zu spielen, aber das habe dann daran gelegen, dass er das Schönschreiben üben musste. Und dass er dies nun mal nicht sonderlich gerne tue, liege daran, dass er immer eine ganze Reihe mit immer demselben Buchstaben habe füllen müssen. Er habe ja schließlich schon schreiben können, bevor er in die Schule gekommen war. Und da fand er solche Schönschreibübungen eben manchmal sehr langweilig. Aber trotzdem sei es in der Schule ganz toll – und zu seinen Eltern sei er auch wirklich immer ganz brav gewesen. Der Nikolaus müsse sich bestimmt vertan haben. Er, Timmy, habe nie geschrien oder mit Quengeln seinen Willen durchsetzen wollen.

„Nun gut, wenn das so ist, dann will ich die Rute mal wegstecken“, meinte der Nikolaus dann gutmütig und steckte sie durch den breiten Gürtel seines Mantels. „Wenn du also wirklich immer brav warst – und das will ich dir mal glauben -, dann sollst du von mir auch was Schönes bekommen. Komm, greif mal in meinen Sack!“, forderte ihn der Nikolaus nun auf und setzte diesen einladend vor Timmy hin.

Zögernd ließ unser kleiner Freund nun seine Hand hineingleiten und fühlte viele kleine und größere Pakete. Er fasste zu und holte ein ziemlich großes Päckchen heraus. Fragend sah er den Nikolaus an, ob er dieses Paket auch wohl wirklich haben dürfe.
„Ja, nimm es ruhig“, brummte der alte Mann nun gutmütig. „Brave Kinder dürfen ruhig auch mal ein größeres Paket bekommen – und nimm auch gleich den Hampelmann dazu, dessen Bein du ja schon vorhin gesehen hast.
So, und nun muss ich aber weiter. Es warten noch viele andere Kinder auf der ganzen Erde auf mich. Bleib schön brav – und gute Nacht!“
Der Nikolaus warf seinen großen Sack wieder über die Schulter, wandte sich um und ging aus dem Zimmer.
Zurück ließ er einen immer noch etwas ängstlichen, verwirrten, aber auch glücklichen kleinen Timmy.
Das also war der Nikolaus gewesen! Er hatte ihn persönlich gesehen, sogar mit ihm gesprochen! Und er hatte darüber hinaus sogar selbst ein Paket aus seinem Sack nehmen dürfen!
Ja – das Paket! Timmy hatte nun erst recht keinen Appetit mehr aufs Abendbrot, sondern stürmte freudig erregt mit einem kurzen „Gute Nacht“ in sein Zimmer, wo er mit hellen, glänzenden Augen die Verpackung des Paketes aufriss.
Hervor kamen viele Süßigkeiten, rote Äpfel und ein kleines grünes Auto. Und - was ihn ganz besonders freute – ein toller, knuffeliger Bär! So einen Bären hatte er sich schon lange gewünscht! Das alles hätte gar nicht in sein Stiefelchen gepasst! Die Enttäuschung am Morgen, das mulmige Gefühl und auch selbst die Angst hatten sich doch gelohnt! Er hatte den Nikolaus gesehen – und noch dazu so viele schöne Sachen bekommen!


In dieser Nacht schlief unser kleiner Mann ganz toll. Er träumte auch wieder vom Nikolaus, der über die ganze Welt fuhr und mit seinem Knecht Ruprecht alle Kinder auf der ganzen Erde besuchte. In seinen Träumen glättete sich das alte, zerfurchte Gesicht des Nikolaus auch immer mehr und wurde ganz freundlich und warm. Timmy hatte nun auch gar keine Angst mehr.

Wie die Geschichte zeigt, kann man Kindern mit kleinen Geschenken noch große Freude bereiten, Kinder glauben auch noch an Wunder – Warum gilt das nicht auch für uns, die „Erwachsenen“? Nur weil wir groß sind?

© Wolf-Jakob Schmidt


Zu Hause


Eine Weihnachtsgeschichte


Als ich Benjamin kennen lernte, war er gerade neun Jahre alt geworden. Er war ein rechter Lausbub, der herumtollte, mit seinen Freunden Fangen und Verstecken spielte, auf so manchen Baum hinaufkletterte und sich dabei auch schon mal die Hose durchscheuerte, wenn er sich an dessen Stamm wieder hinabrutschen ließ.

Benny, wie ihn seine Eltern liebevoll nannten, war das Nesthäkchen der Familie. Seine Geschwister – er hatte noch zwei große Brüder und eine Schwester – waren zwei, vier und sechs Jahre älter als er. Daher wurde ihm auch so manches nachgesehen, was seinem ältesten Bruder noch mit so manchem Klaps auf den Po vergolten worden war.

Eines Tages nun – Benny spielte gerade wieder mit den Nachbarskindern auf der Straße Fußball – wollte er gerade den Ball ins Tor schießen, als er plötzlich ohne ersichtlichen Grund hinfiel. Benommen stand er wieder auf, schüttelte den Kopf, um wieder klar sehen zu können, und spielte dann weiter, ohne viel auf seinen Sturz zu geben.
Daher erzählte er auch zu Hause nichts davon.
Doch schon zwei Tage später geschah es erneut, dass er sich nicht auf seinen kleinen Beinchen halten konnte. Diesmal dauerte es sogar fünf lange Minuten, bis es ihm gelang, sich wieder aufzurichten. Und spielen konnte er auch nicht sogleich wieder.
Seine Spielkameraden stützten ihn und brachten ihn nach Hause, wo sich seine Mutter liebevoll besorgt um ihn kümmerte. Sie ließ sich berichten, was geschehen war, und als Benjamin auf ihre Frage hin zugab, dass er wenige Tage zuvor schon einmal gestürzt war, befiel sie doch ein recht beklemmendes Gefühl, ohne dass sie eigentlich hätte sagen können, warum. Kleine Jungs fallen schließlich immer schon mal auf ihren Hosenboden.

Aus ihrer Besorgnis heraus verständigte sie den Hausarzt der Familie, der auch sogleich nach Schluss seiner Sprechstunde heraus zu unserem kleinen Benny kam.
Er untersuchte ihn eingehend, klopfte mal hier, fühlt mal dort – aber er konnte nichts finden. „Der Kleine ist organisch völlig gesund, wie es scheint“, sagte er, „ich kann jedenfalls nichts feststellen. Wenn er noch einmal fallen sollte, verständigen Sie mich bitte sofort.“

Mit diesen Worten verabschiedete sich der Arzt und Benjamin wurde hinauf in sein Zimmer ins Bett gebracht. Seine Mutter reichte ihm noch eine heiße Milch mit Honig, die unser Freund zwar nicht mochte, dann aber doch hinunterwürgte – seiner Mutter zuliebe.

Schon am Nachmittag des nächsten Tages aber fiel er erneut. Der sofort benachrichtigte Hausarzt veranlasste daraufhin, dass unser kleiner Benny umgehend in das nächste Krankenhaus gebracht wurde. Dort untersuchte man ihn von Kopf bis Fuß, machte viele Tests mit ihm und entnahm sogar Gewebeproben. Dann dürfte er zwar wieder nach Hause gehen, aber als etwa eine Woche später die Befunde vorlagen, musste er wieder ins Krankenhaus kommen.

Er konnte mittlerweile schon kaum noch laufen, es bereitete ihm sogar Schwierigkeiten, die Tasse mit Milch in seinem kleinen Händchen zu halten.
Nochmals wurde er auf Herz und Nieren untersucht und Bennys zutiefst beunruhigte Eltern hatten dann unter vier bzw. unter sechs Augen eine lange Unterredung mit dem behandelnden Arzt.

„Ja – wie soll ich es Ihnen sagen: Ihr Sohn hat eine Krankheit, deren Erreger, deren genaue Symptome wir nicht einmal kennen – und ein Gegenmittel haben wir daher leider auch noch nicht zur Hand. Wir wissen nur so viel, dass es sich um eine Viruskrankheit im Muskelgewebe handeln muss. Es gibt da wohl noch zwei andere gleich gelagerte Fälle in unserem Land, soviel uns bekannt ist.
Und wenn Ihr Sohn dieselbe Krankheit wie diese beiden Kinder haben sollte – dann müssen Sie sich darauf einstellen, dass er ein Leben lang im Rollstuhl bleiben und gefüttert werden muss. Eventuell kann es sogar dazu kommen, dass seine Kau-, Schließ- und Schluckmuskeln eines Tages auch nicht mehr arbeiten.
Wir müssen daher leider letztlich sogar das Schlimmste befürchten.
Ich würde Ihnen wirklich gern Trost zusprechen und eine Besserung in Aussicht stellen – der Stand der Erkenntnis aber lässt das leider nicht zu. Wir stehen wirklich alle vor einem Rätsel.“

Als der Arzt geendet hatte, schluchzte Bennys Mutter laut auf. Sein Vater nahm sie behutsam in seine Arme und führte sie zunächst einmal hinaus in den Krankenhauspark. Dann holten sie unseren kleinen Freund und trugen ihn nach Hause, wo er dann wirklich nur noch liegen konnte und schon bald in jeder Beziehung verpflegt werden musste.

Ein weiterer, aus der nächst gelegenen größeren Stadt hinzu gezogener Arzt hatte sogar die zusätzliche Befürchtung geäußert, Benjamin könne von dieser Krankheit her sogar einen Schlaganfall bekommen, der dann nicht wie sonst vom Gehirn ausgehe. Man könne einfach nichts gegen diese rätselhafte Art von Muskelschwund unternehmen.

Mittlerweile war es Advent geworden, eine rechte Weihnachtsstimmung aber wollte in Bennys Familie nicht so recht aufkommen. Man bastelte und besorgte zwar Weihnachtsgeschenke, vier Tage vor dem Fest holte Benjamins Vater auch einen wunderschön anzuschauenden großen Weihnachtsbaum, aber die sonst übliche Vorfreude wollte sich einfach nicht einstellen – zumal Benny inzwischen auch wirklich schon Schwierigkeiten hatte, die ihm vorgesetzten Speisen hinunter zu schlucken; kauen konnte er seit einigen Tagen auch schon kaum noch richtig.

Dann schließlich war Heiligabend, der Baum erstrahlte in hellem Lichterglanz und die Zeit der Bescherung war herangekommen. Bennys Geschenke hatte man ihm hinauf in sein Zimmer gebracht und vor ihm auf dem Tisch aufgebaut. Unser kleiner Freund sah sich die vielen großen und kleinen bunten Pakete mit strahlenden Augen an, auch wenn er sie mit seinen kleinen Händchen nicht anfassen und halten konnte. Schmerzen in dem Sinne hatte er ja auch nicht.

Seine Eltern und Geschwister gingen dann hinunter, um im verkleinerten Kreis auch noch die Bescherung für die anderen Familienmitglieder und die Geburt Christi zu feiern. Benjamins Mutter regte dann auch an, gemeinsam in die Christmette zu gehen, um für unseren kleinen Freund flehentlich um baldige Besserung zu beten.

Als sie alle aus dem Haus gegangen waren und es ganz still geworden war, wollte Benjamin gerade seine kleine Äuglein schließen, als plötzlich wie von Geisterhänden die Tür aufging und der ganze Raum in überirdischem Licht erstrahlte. Eine Gestalt wie aus Bennys Märchenbüchern – es mochte vielleicht ein Engel sein – sah ihn warm und liebevoll an.
„Komm mit mir“, sagte der Engel, „ich will dir auch etwas ganz Schönes zeigen.“
„Ich kann doch nicht laufen“, wagte Benjamin schüchtern einzuwenden.
„Doch, du kannst – komm nur!“ munterte der Engel ihn auf.
Und wirklich – es fiel unserem kleinen Freund erstaunlicherweise überhaupt nicht schwer, sich zu erheben und dem Engel zu folgen, der ihn bei der Hand nahm und mit sich fortzog.

Als seine Eltern ihm am folgenden Morgen eine frohe Weihnachtszeit wünschen wollten, lag Benny mit einem strahlenden Lächeln auf seinem kleinen Gesichtchen in seinem Bett.
Er war für immer eingeschlafen.



Leise kam der Heiland, nahm mich bei der Hand;
führt mich von der Reise heim ins Vaterland.

© Wolf- Jakob Schmidt

http://www.wolfs-kaleidoskop.de.vu/
http://www.wolfs-sammelsurium.de.vu/






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Weihnachten in der neuen Heimat

Es war einmal ein kleiner Junge, der in einem fernen Land in einem kleinen Dorf lebte.
Er wohnte mit seinen Eltern, 2 jüngeren Brüdern und den Großeltern in einem kleinen Häuschen, das der Großvater mit Hilfe von Verwandten vor langer Zeit gebaut hatte.
Mutter und Großmutter hielten da Häuschen sauber, kochten und sorgten für die Familie.
Der Vater hatte ein kleines einfaches Restaurant im Dorf, in dem er täglich zwei Gerichte aus der Heimat anbot und der Großvater hütete Schafe.
Es gab kein elektrisches Licht und keine sanitären Anlagen, wie wir sie kennen. Aber die Menschen kannten nichts anderes und waren mit ihrem Le-ben zufrieden. Sie lebten einfach und aus ihrem Glauben heraus.
Abends erzählte der Vater den Kindern aber immer von fernen Ländern, denn er hatte auf einem Bazar zwei Bücher erstanden, die ihn fasziniert hatten. Das eine war ein bebildertes Buch, in dem Fotos aus vielen Ländern waren, das andere war eine Zitatensammlung. Die Augen der Kinder leuchteten immer, wenn Vater erzählte. Mutter schmunzelte vor sich hin und dachte: „Lass sie mal träumen.“ Und Vater las vor:

Der Frosch im Brunnen ahnt nichts von der Weite des Meeres. (Chinesisches Sprichwort)

Bei unserem kleinen Jungen entbrannte eine Sehnsucht nach der Ferne in seinem Herzen und er dachte immer bei sich: „Es muss doch mehr geben, als das, was wir hier sehen und erleben. Ich möchte die Welt sehen, ich möchte mal in ein anderes Land.“

Eines Tages kam eine junge Reporterin in das Dorf, sie interessierte sich für die Gepflogenheiten des Landes und unterhielt sich mit den Leuten dort. Sie kannte ihre Sprache. Die Mutter sagte: „Wir sind nur eine einfache Familie, aber sie sind etwas Besonderes, Sie sind gebildet und fein gekleidet.“ „Nun“, entgegnete die junge Frau: „Sie haben Herzensbildung und bei uns begegnet man Fremden gegenüber mit viel mehr Vorsicht, mich beeindruckt Ihre Gastfreundschaft.“ Aber die Fa-milie wollte eine Menge über das andere Land wissen und den kleinen Jungen faszinierte alles so. „Ich möchte auch mal eine andere Sprache lernen, eine andere Kultur sehen.“ Nachdem die Dame abgefahren war, entwickelte sich eine Brieffreundschaft und die junge Frau schickte viele Postkarten aus ihrem Land. Abends schwärmten die Kinder und Vater hatte ganz ver-klärte Augen. Eines Tages kam eine unschöne Situation in das Land, wo die Familie wohnte. Not drohte, aber dennoch war ein Schutzengel bei ih-nen. „Vater“, sagte der Junge, der schon nicht mehr so klein war, „wir sollten es versuchen, wir sollten in das andere Land gehen!“ Und sie lasen wieder in dem Zitatenbuch und holten sich dort Kraft. Dort stand, man könne Mögliches errei-chen, wenn man sich das Unmögliche zum Ziel setze.

Sie sprachen mit dem Obersten des Dorfes und er schaffte es, ihnen eine Aufenthaltserlaubnis zu bewirken. Es war wie ein Wunder. Die Mutter hatte ein wenig Angst, sagte aber: „Wenn es Allahs Wille ist...“. Die Großeltern entgegneten, sie wollten nur das Beste für ihre Kinder und Enkel, sie sollten ziehen wie der junge Adler, aber es sei Allahs Wille, dass sie selber auf dem Boden ihrer Heimat ihre letzte Ruhestätte finden sollten.
Mit Hilfe von Freunden und aus eigener Kraft erreichten sie das, was sie für unmöglich gehalten hatten. Sie machten in dem neuen unbekannten Land einen kleinen Imbiss auf mit Speisen aus ihrem Land. Und das Geschäft ging gut. Die Menschen dort waren von der Herzlichkeit und Gast-freundschaft der Familie sehr angetan, das Essen schmeckte ihnen und war für ihre Verhältnisse sehr preiswert. Aus dem Sohn wurde ein junger Mann, der nach und nach die Sprache des Landes lernte, aber er wollte noch viel mehr lernen. Er wollte sich an die Sitten und Gebräuche des Lan-des anpassen, er wurde immer mehr einer von ihnen. Die Mutter mahnte: „Ich finde es sehr gut, wie du dich hier anpasst, aber vergiss nie deine Heimat und dein Blut.“ „Ja, das will ich beherzi-gen“, antwortete er, aber ich muss noch viel mehr lernen. Und nun beschloss er, eine Ausbildung zu machen, er bewarb sich und bekam einen Platz.
In seiner Lerngruppe war er sehr bald bei Mitlernenden und Lehrenden sehr beliebt, denn er war immer freundlich, fröhlich und hilfsbereit. Er machte keinen Unterschied, ob jemand jünger oder älter war oder welche Nationalität er hatte, er nahm die Menschen, wie sie waren. Er hatte gute Ideen und Freude am Lernen.

Doch dann traf etwas ein, was er, der schon so viel geschafft hatte, nicht kannte. Er musste sich einer Prüfungen unterziehen. Er strengte sich an und an, aber das war zu viel. Hinzu kam, dass er noch im elterlichen Betrieb mitarbeitete, damit die Familie ihren Lebensunterhalt hatte und sie den Großeltern Zuwendungen schicken konnten. So hatte er monatelang eine Doppelbelastung. Die Prüfung kam und das Ergebnis auch: „Durchgefal-len!“
„Durchgefallen, durchgefallen, durchgefallen!“, spukte es in seinem Kopf herum. In seinem Kopf drehte sich alles, er nahm die anderen nicht mehr wahr, die versuchten, ihn zu beruhigen. „Gib nicht auf!“, sagten die, die um ihn herum waren, aber er hörte es nicht. Als er nach Hause kam, schämte er sich gewaltig vor seiner Familie. „Schau“, sagte der Vater, wir haben schon so viel geschafft, wir sind in dieses Land gekommen, wir kommen hier zurecht. Du bist nicht weniger wert, weil du ein-mal etwas nicht geschafft hast.“ Tagelang war der junge Mann völlig apathisch, aber er bekam Anru-fe: „Gib nicht auf, versuche es noch einmal.“ Als der Vater das mitbekam, holte er das Zitatenbuch hervor und las. Er stutzte und sagte dann: „Mein Junge, setze dir das Unmögliche zum Ziel, dann wird es vielleicht möglich.“ Und dann sinnierten sie, dass das Leben an sich Lösungen bietet, nicht nur das Problem an sich.

Die Leute in seinem neuen Land sagten, er sei kein Versager, sie hätten auch von ihm gelernt, von seiner Herzlichkeit und Wärme und nun sei es ihre Aufgabe, ihm neuen Mut zu machen.
Und tatsächlich, er sprang über seinen Schatten und er lernte und lernte, doch wieder musste er so vieles lernen. Und die Mitglieder der Gruppe halfen sich gegenseitig. Dann kam der besagte Tag: der Tag der Prüfungen und der Tag, an dem die Ergebnisse bekannt gegeben wurden. Es war kurz vor Weihnachten, ein Fest, was in seinem Land nicht gefeiert wurde, aber was er in dem neuen Land so schön fand. Er wurde hereingerufen und konnte vor Aufregung kaum zuhören. Er hörte nicht: „Es war knapp, fast...“, er hörte nur noch das Wort: „Bestanden!“ „Bestanden“, jubelte er, ich habe bestanden. Alle freuten sich mit ihm und so beschlossen sie, ihre bestandene Prüfung in dem kleinen Lokal zu feiern, das ursprünglich mal ein kleiner Imbiss war. Die Kopie des Zeugnisses auf Büttenpapier hing im Speisesaal in einem goldenen Rahmen. Die jungen Leute wichtelten und spielten Weihnachtslieder aus verschiedenen Ländern, besonders aus seiner jetzigen Heimat. Er hatte es geschafft: Er gehörte in seine neue Heimat, aber ein Stück seiner ursprünglichen Heimat hatte er in seinem Herzen bewahrt. Seine Eltern waren stolz und tischten fröhlich auf.

Sollte es diesen jungen Mann nicht geben oder nicht gegeben haben, so könnte es vielleicht ähnlich gewesen sein. Wer weiß.....

© Elfie Nadolny, 2004



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(c) Klaus Nadolny

Glaubst Du an den Weihnachtsmann?

In der Straße vom kleinen "Püppi" wohnten viele Kinder, die gerne miteinander spielten und von den größeren Jungen und Mädchen in Obhut genommen wurden. So lernten die Kleinsten alles von den Großen. Eigentlich hieß Püppi aber "Siegfried" und war ein niedlicher, aufgeweckter kleiner Junge, den sie einfach so nannten. Er hatte rötliche, lockige Haare und konnte sich geschickt so mancher morgendlichen Kammprozedur entziehen, indem er einfach weglief und sich draußen zu den Kindern gesellte. Auch das Rufen der Mutter aus dem zweiten Stock nutzte nichts, denn er ergriff schnell die Hand eines größeren Spielkameraden und rief schelmisch nach oben: "Mama, ich spiel doch gerade so schön!".
Und welche Mutter kann da noch böse sein?
Die Vorweihnachtszeit, so hieß es, sei die schönste Zeit für kleine Kinder, denn dann wäre der Weihnachtsmann auch nicht mehr weit. Für die bösen Kinder trägt er eine Rute mit sich und so manches, größere Kind hat diese schon auf dem Hinterteil zu spüren bekommen.
Jedesmal, wenn Püppis Großmutter bei solchen Gesprächen dabei war, sagte sie barsch: "Es gibt keinen Weihnachtsmann!“.
Solche Aussprüche waren für Püppi nichts neues, aber er bemerkte, dass die Erwachsenen fast erschrocken zu ihm herunterschauten und erneut vom Weihnachtsmann sprachen, der bald kommen würde.
Einmal hörte Püppi, wie die größeren Kinder sich unterhielten.
"Glaubst du noch an den Weihnachtsmann?", fragte Sven und Timo antwortete empört: "Das tue ich schon lange nicht mehr, bin doch kein kleines Kind!".
Die anderen Kinder schienen sich über die Frage zu amüsieren. Nur das kleine Mädchen, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnte, sagte mit leiser Stimme: "Ich glaube an den Weihnachtsmann, denn letztes Jahr war er bei uns in der Wohnung und hat mir Geschenke gebracht!".
Wie aus einem Mund fragten die größeren Jungen und Mädchen nun den kleinen Püppi: "Glaubst du denn an den Weihnachtsmann?".
Wieso fragen die mich, dachte er im Stillen.
"Bei mir hat sich noch keiner blicken lassen," erwiderte er selbstbewusst.
"Sicher wird er dieses Jahr kommen!".
"Ja, ja, ganz bestimmt!", bestätigten die erfahrenen Kinder, denn sie wussten, dass der Onkel Walther aus der Nebenstraße jedes Jahr den Weihnachtsmann spielte.
Eines Mittags bemerkte Püppis Mutter: "Heute kommt der Onkel Walther zu uns zum Essen, da musst du dich anständig benehmen und ganz artig sein!".
"Oha, da gibt's was zu lachen", sprudelte es aus dem kleinen Kerlchen hervor, denn er war schon oft dabei gewesen, wenn alle Kinder der Straße zusammengekommen waren um Onkel Walthers lustigen Geschichten zu lauschen. Im Sommer saßen sie in seiner alten runden Laube im Garten und zur Winterzeit warm und gemütlich vor einem Ofen in seinem etwas schiefen Holzhaus.
Während die Mutter mit Kochen beschäftigt war, sah Püppi gespannt aus dem Fenster. Endlich kam der Onkel schlurfend die Straße entlang und wurde freundlich von den Anwohnern gegrüßt. Er stieg die Treppe hinauf und drückte auf die Klingel. Natürlich war Püppi als erster an der Tür und schaute recht vergnügt zu Onkel Walther hinauf, der ihn auf den Arm nahm und ihn mehrfach in die Runde schwenkte.
"So eine Begrüßung bringt mich ganz schön aus der Puste. Und es riecht ja bei euch so gut!", sagte er wohlwollend und rieb sich den Bauch.
Die Großmutter hielt sich im Hintergrund, denn sie wusste, was dieser Besuch bedeutete. Onkel Walther hatte eine tiefe, angenehme Stimme. Das Essen schmeckte allen, was man an den leeren Tellern sehen konnte. Dann verabschiedete sich der Gast, dankte für das gute Essen und rief beim hinuntergehen nach oben: "Dann bis bald!" und verschwand.
Die Großmutter, die sich nun zur Tür drängte, rief trotzig und laut ins Treppenhaus: "Es gibt keinen Weihnachtsmann!".
Püppi zog an der Hand der Großmutter und fragte: "Warum sagst du das immer?"
"Weil es keinen Weihnachtsmann gibt", erwiderte die alte Frau mit fester Stimme, setzte sich in den Sessel und griff nach ihrem Strickzeug.
Der Junge lebte die meiste Zeit des Jahres nur mit der Mutter und Großmutter zusammen, da der Vater als Entwicklungshelfer in verschiedenen Ländern der Erde gebraucht wurde. Doch zur Weihnachtszeit und im Sommer kam er für einige Zeit nach Hause.
Heute war es so weit. Als die Tür aufging, fiel der Püppi vor Aufregung vom Sofa und krabbelte auf allen Vieren zur Begrüßung dem Vater entgegen.
Ja, die Freude über das Wiedersehen war für alle riesengroß und nach einiger Zeit nahm der Vater seinen Sohn auf den Arm und sagte: "Bald kommt der Weihnachtsmann zu dir, und ich hoffe, dass du recht brav warst!".
"Es gibt keinen Weihnachtsmann", dröhnte es aus Großmutters Richtung.
Dann war endlich Weihnachten! Püppi und Großmutter wurden ins Schlafzimmer verbannt, während die Eltern liebevoll den Weihnachtsbaum schmückten und echte Kerzen an seinen Ästen befestigten. Aber Püppi wollte es genau wissen. Oma war so in ihre Strickarbeit vertieft, dass sie nicht darauf achtete, wie der Lockenkopf zum Schlüsselloch schlich und neugierig hindurch linste. Was er dort entdeckte, machte ihn nachdenklich...
Langsam ging er zum Fenster hinüber. Da kam der Weihnachtsmann! Mit Sack und Rute schlurfte er die Straße entlang und steuerte auf den Eingang des Hauses zu. Er schlurft genauso wie Onkel Walther, dachte Püppi, doch da hörte er auch schon ein lautes Klopfen an der Tür.
Eine ihm bekannte Stimme rief: "Wohnt hier der kleine Püppi?".
"Ja, komm herein lieber Weihnachtsmann!", antworteten die Eltern im Chor. Die Großmutter blieb im Schlafzimmer sitzen und strickte weiter ihre Runden.
"Es gibt keinen Weihnachtsmann", murmelte sie in gewohnter Weise. Das Kind riss ungeduldig die Wohnzimmertür auf und stand direkt vor dem Weihnachtsmann.
"Na, kleiner Mann, warst du auch immer schön artig und gehorsam?".
Püppi stand stumm am Tisch und nahm die Geschenke entgegen, die der Weihnachtsmann, eins nach dem anderen, aus seinem Sack holte und dem Kind überreichte. Wie sich doch die Eltern über die Bescherung freuten! Doch der Kleine verzog keine Miene. Er achtete nur auf die Stimme und auf die Augen, die über dem weißen Bart hervorblinzelten. Dann war ihm klar: der Weihnachtsmann war Onkel Walther!
Der Weihnachtsmann verabschiedete sich freundlich und verließ schlurfend und polternd die Wohnung. Püppi aber wollte den Eltern nicht die Freude nehmen und spielte das "Weihnachtsmann-Spiel" mit.
Aus dem Schlafzimmer ertönte erneut der Ruf: „Es gibt keinen Weihnachtsmann!“.
Die Weihnachtszeit ging vorüber. Alle Kinder der Straße trafen sich und berichteten von ihren Geschenken und Erlebnissen. Einer nach dem anderen fragte, ob beim Püppi der Weihnachtsmann gewesen war. Er sagte lange nichts, doch dann drängte es aus ihm heraus: "Damit ihr's wisst, ich glaube nicht an den Weihnachtsmann, nur meine Eltern!". Die größeren Kinder fingen an zu kichern und hielten sich die Hände vor den Mund und ein älteres Mädchen fragte verwundert, was er damit meinte.
"Na, die hatten ganz rote Backen, als der Weihnachtsmann ins Zimmer trat und freuten sich wie kleine Kinder! Aber ich habe Onkel Walther erkannt. Er ist der Weihnachtsmann! Jetzt weiß ich auch, warum meine Großmutter immer sagt, dass es keinen Weihnachtsmann gibt!".
Seit diesem Tag gehörte er zu den wissenden Großen und war ganz stolz auf seine weihnachtliche Erkenntnis.
Ein Jahr verging. Wieder stand Weihnachten vor der Tür.
"Glaubst du an den Weihnachtsmann?", fragte Püppi das kleine Mädchen, das erst vor kurzem in ihre Straße gezogen war.
"Ja, der tommt bald!", rief die Kleine begeistert aus und sprang lustig durch die Gegend. "Bestimmt tommt der bald!", entgegnete Püppi sehr mitfühlend.

© Heidrun Gemähling



Der letzte Weihnachtsmann

Dichte große Schneeflocken verzauberten das Leben in eine Märchenwelt. Die Kinder im Dorf nutzten die Gunst der Stunde und beschlossen, einen ganz großen Schneemann zu bauen, größer als all die Jahre zuvor. Freudig stapften sie an den Waldesrand vor die hohen Tannen. Man sah rotbäckige Kinder, wie sie fleißig Schnee zu Kugeln rollten. Diese stapelten die großen Helfer aufeinander und formten sie zu einer Riesenkugel. Zwischendurch ließ der dichte Schneefall etwas nach und das bisherige Werk konnte begutachtet werden.
„Höher kommen wir jetzt nicht mehr, wir brauchen eine Leiter! Wer holt eine von zuhause?“, rief Peter in die Runde.
„Bin schon unterwegs“, sagte Florian und spurtete davon.
Sie nutzten die Wartezeit für weitere Überlegungen, denn ein richtiger Schneemann brauchte ja einen großen Schal, eine Mütze, eine Möhre für die Nase, zwei Eierkohlen für die Augen, gebogene Stöckchen für den Mund und einen Besen für den Arm. Fast jedes der Kinder lief nach Hause und brachte die notwendigen Utensilien mit zurück. Jetzt konnte auch der Bau weitergehen und kleinere Schneekugeln wurden herangeschafft und hinaufgereicht. Es dauerte nicht lange und der heißersehnte Schneemann war fertig. Lustig sah er aus und schien zu den Kindern hinunter zu lächeln.

Die kleine Gundi rief ganz aufgeregt: „ Seht nur, der Schneemann lacht mich an und wackelt mit der Nase!“.
„Ja, ja der blinzelt auch mit den Augen und streckt gleich noch die Zunge raus“, fügte ihr größerer Bruder hinzu.

Es dunkelte bereits, als sie sich wie pitschenasse Pudel auf den Heimweg machten. Peters Mutter öffnete die Tür und man hörte sie verzweifelt sagen:
„Peter, wo kommst du schon wieder so naß her! Jetzt habe ich keine trockenen Hosen mehr für dich!“ und zog ihn ins Zimmer.
„Natürlich von draußen!“, murmelte der Großvater verständnisvoll und zwinkerte Peter zu.

Der Tag der Wintersonnenwende stand vor der Tür. Ein recht alter Weihnachtsmann aus dem Nachbarsdorf, dem das Laufen schon schwerfiel, hatte sich nach altem Brauch auf den Weg zu den Kindern gemacht, um sie zu beschenken. Es war sehr dunkel und nur der Mond brachte etwas Licht. Mißmutig brummelte er vor sich hin: „Mit dem Kinderkram wird mir das langsam zu viel! Keiner will mein Nachfolger werden. Weil sie alle keine Zeit haben, angeblich.“
Als er schließlich den Waldrand erreichte, entdeckte er von weitem schon den ungewöhnlich großen Schneemann. Stapfend kam er ihm immer näher und näher. Dann geschah es. Er stolperte über eine dicke Baumwurzel und landete lang vor dem Schneemann. Seine Rute und der schwere Sack flogen durch die Luft und blieben in einiger Entfernung liegen. Sein Bein schmerzte höllisch, vielleicht war es gebrochen.
„Aua, aua, Hilfe, Hilfe!“ hallte es durch die Nacht. Doch wer sollte ihn hier schon hören?

Plötzlich vernahm er eine eigenartige Stimme: „Ich will dir gerne helfen. Rutsche dicht an mich ran und atme kräftig gegen meinen Bauch. Nimm deine Hände und höhle mich aus!“

Erschrocken schaute sich der weihnachtlich angezogene alte Mann um, konnte aber keinen Menschen erblicken. Noch einmal hörte er die selben Worte und sah nach oben in das Gesicht des Schneemannes, der zu lächeln schien. So seltsam ihm die Situation auch vorkam, gehorchte er doch den Anweisungen des Schneemannes. Die Höhle im Bauch des Schneemannes wurde zusehends größer. Trotz der Schmerzen grub er sich immer weiter in das Innere, als er über sich wieder die eigenartige Stimme sagen hörte: „ Mach so weiter, dann wirst du auch nicht erfrieren!“.
Verängstigt machte er weiter und schließlich gelang es ihm, sich hineinzuzwängen und schlief bald darauf vor Erschöpfung ein.

Die rote Morgensonne weckte den Verletzten und dieser drehte sich mit all seinen noch vorhandenen Kräften aus seiner mißlichen unbequemen Lage zur Öffnung hin.
„Wo bin ich denn!“ staunte er und rieb sich verwundert die Augen.
„Hilfe, Hilfe!“, stöhnte er und sein Rufen wurde immer lauter.
„Du hast schon Hilfe bekommen!“ sagte die Stimme von oben, „sonst wärst du erfroren!“.

Sein Herz fing laut an zu pochen und sein schlechtes Gewissen wurde im Gesicht sichtbar, denn ihm kamen all die Kinder in den Sinn, die auf ihn gewartet hatten.
Während er die Nacht im Bauch des Schneemannes verbrachte, entstand im Ort große Unruhe. Man sah Menschen aufgeregt von einem Haus zum anderen huschen. Fenster und Häuser waren hell erleuchtet und festlich geschmückt, doch Freude kam nicht auf. Keiner wußte, warum der Weihnachtsmann nicht zu den Kindern kam. Schließlich standen Groß und Klein auf den Straßen und Peters Vater rief in die Menge:
„Dem Weihnachtsmann wird doch nichts passiert sein?“.
Ein anderer sagte mit kräftiger Stimme: „Ich glaube schon, denn er ist schon alt. Ihr Kinder geht jetzt nach Hause und legt Euch schlafen und wir werden nach ihm suchen!“.

Der Morgen graute schon, als der Verletzte plötzlich in weiter Ferne Stimmen hörte, die seinen Namen riefen.
„Hier bin ich! Hier oben am Waldrand!“, rief er so laut er konnte.
Sofort eilten die Männer hinauf und entdeckten ihn liegend und schimpfend vor dem großen Schneemann und staunten nicht schlecht über das ausgehöhlte Schneewesen.
Worte wie: „Hermann, was machst du denn für Sachen! Haben wir dir nicht oft genug gesagt, daß du nicht mehr alleine gehen sollst?“, mußte er sich anhören und winkte ab. Zwei liefen bereits los um einen Arzt und eine Trage zu holen.

„Nie wieder werde ich den Weihnachtsmann spielen. Das ist einfach nichts mehr für einen alten Mann!“, erwiderte er und ließ sich gerne mit einem warmen Schluck Tee verwöhnen.

„Der da, der Schneemann hat mich gerettet!“, sprach er und zeigte nach oben.
„Ein Schneemann kann doch nicht retten, wie soll das denn gehen?“, sagte einer der Männer laut und fügte noch hinzu: „Ach Hermann, erzähl doch keine Märchen!“.
So gingen die Worte hin und her, doch keiner wollte dem Alten glauben.

Inzwischen erfuhren auch die Kinder von dem verletzten Weihnachtsmann, den man vor ihrem Schneemann gefunden hatte und eilten hinauf zum Waldesrand. Als die kleine Gundi hörte, daß der Schneemann sprechen konnte, so wie es der Weihnachtsmann erzählte, rief sie ganz laut und selbstbewußt:
„Und lächeln kann er auch. Das habe ich genau gesehen. Keiner will mir glauben!“.
„Ja, Kleine, ich glaube dir!“, sagte der alte Mann ganz ruhig und wandte sich an die erstaunten Gesichter der Erwachsenen, während die Kinder in der Nähe herumtobten, und sprach dann weiter: „Das Leben als Weihnachtsmann macht keinen Spaß mehr. Die Zeiten sind so hektisch und ungemütlich geworden. Keiner hat mehr Zeit, wer will schon mein Nachfolger werden!“
Er schaute nach unten und irgendwas schien ihn zu bedrücken. Die Männer bemerkten es und einer fragte besorgt: „Hermann, nun raus mit der Sprache, dir liegt doch was auf dem Herzen! Sag es uns doch einfach!“
Nach einer Pause drängte es aus ihm heraus: „ Wie wäre es mit einem neuen Fest zur Erinnerung an meine Rettung durch einen Schneemann? Jedes Jahr könnten die Kinder zu dieser Zeit viele ausgehöhlte Schneemänner bauen und sie mit Geschenken für die armen Kinder der Umgebung füllen. Ihr werdet sehen, die Freude wird groß!“.

Sprachlosigkeit stand in fast allen Gesichtern, doch Peters Vater entspannte die Situation und winkte die Kinder herbei und fragte: „ Was haltet ihr von einem Schneemann-Fest?“
„Hurra, ein Fest für den Schneemann!“, jauchzten die Kinder aufgeregt und kullerten erneut übermütig im Schnee herum.
„Ich muß aber noch dazu sagen, daß dann kein Weihnachtsmann mehr zu euch kommen wird, um euch zu beschenken, sondern ihr könnt dann viele viele Schneemänner mit Geschenke füllen. Es gibt weltweit eine Menge arme Kinder oder die keine Eltern mehr haben, und die würden sich von Herzen freuen, wenn andere Kinder an sie denken“, redete er weiter und wartete gespannt auf die Reaktion.

Die Kinder sahen sich an und waren sich ohne Worte einig. So verkündete der große Peter stolz: „ Na klar, wir wollen lieber das Schneemann-Fest und anderen Kindern helfen. Wir kriegen doch das ganze Jahr über genügend Geschenke!“.
„Seht nur, wie der Schneemann mich wieder anlächelt!“, rief die kleine Gundi.
„Ja, ja, und gleich blinzelt er mit den Augen und wackelt mit der Nase!“, fügte der große Bruder hinzu.
„Vielleicht!“, erwähnte Gundi leise und stellte sich dicht neben den Schneemann.

Der letzte Weihnachtsmann war sehr sehr erleichtert. Er kam in ärztliche Obhut und konnte noch mitverfolgen, wie sein Schneemann-Fest sich über die ganze Welt verbreitete.

Seither wurde am Ende des Jahres nur noch das Fest der „Schneemänner“ gefeiert. Alle Kinder waren froh und glücklich und kannten den Weihnachtsmann bald nur noch aus den Märchen.

© Heidrun Gemähling

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Unerwartete Begegnung


Nicht nur eine

Nikolausgeschichte


„Mami, Mami, schau doch mal – es ist alles ganz weiß draußen!“ rief mein Peterchen voller Vorfreude.
„Ja, mein Junge, heute ist doch Nikolaustag. Da mussten die Engelchen dort oben doch wieder ganz viele Wolken ausschütteln! Du weißt doch, dass der Nikolaus immer mit einem vollbeladenen Schlitten über die Erde fährt – und ohne Schnee kann er mit seinem großen Schlitten ja nicht gut zu allen braven Kindern kommen...“.
„... ob er wohl auch zu mir kommt?“---, fragte mein kleiner Sohn nun besorgt.
„Ach, ich glaube schon“, erwiderte ich lächelnd. „Auch wenn du hie und da einen kleinen Streich gespielt hast, so bist du doch mein lieber kleiner Junge. Und das weiß der Nikolaus bestimmt auch“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
Der etwas ängstliche Gesichtsausdruck im Gesicht meines Kindes verschwand dann auch sofort wieder und wich einem freudigen Strahlen in seinen Augen.
„Darf ich wohl draußen spielen?“, fragte Peterchen dann.
„Ja, sicher, mein Junge. Sogleich nach dem Frühstück darfst du hinaus und im Schnee herumtoben. Ich muss nachher aber noch einkaufen gehen. Wenn du wieder ins Haus hinein möchtest, bevor ich zurück bin, dann schelle doch bitte bei der Oma. Die wird dir dann öffnen“, antwortete ich darauf.

Peterchen konnte kaum erwarten, bis er vom Frühstückstisch aufstehen und auch nach draußen stürmen durfte. Kurz darauf machte auch ich mich dann auf, um im Dorf einkaufen zu gehen.
Mein Weg führte mich geradewegs durch den tief verschneiten Wald – und Ihr könnt Euch sicher mein Erstaunen vorstellen, als ich plötzlich vielhundertfaches zartes Bimmeln von Glöckchen vernahm.
Ehe ich wusste, was geschah, hatten viele, viele Tiere die Schneemassen etwas beiseite geräumt, die mitten auf dem Weg gelegen hatten. Bären, Rehe, Wölfe – alle Einwohner des Waldes halfen einträchtig, einem von mehreren Rentieren gezogenen Gefährt den Weg frei zu scharren, auf dem ich – ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen – doch wahrhaftig den Nikolaus erblickte!
Ich rieb mir die Augen, und da hielt der Schlitten auch schon neben mir.
„Bist du wirklich der Nikolaus?“ fragte ich erstaunt?
„Ja, du siehst richtig – ich bin es!“ antwortete mir ein großer alter Mann mit lang wallendem Bart, gehüllt in einen weiten roten Kapuzenmantel, mit dunkler tiefer Stimme.

Er sah gerade so aus, wie ich mir den Nikolaus immer schon vorgestellt hatte – und der Blick aus seinen sanften gütigen Augen machte mich dann vollends sicher, dass dies wirklich der Nikolaus war.

„Kommst du heute Abend auch zu meinem Peterchen?“ beeilte ich mich zu fragen, nachdem sich mein Erstaunen etwas gelegt hatte.
„Ja, sicher“, meinte der Nikolaus dann, „ich weiß ja, dass du ein liebes Kind hast.“
Plötzlich veränderte sich der Gesichtsausdruck des alten Mannes vor mir und es bekam etwas traurige Züge.
„Ach, ich wünschte, ich könnte öfter als nur einmal im Jahr hier in deine Gegend kommen“, sagte der Nikolaus dann. Auf den fragenden Blick in meinen Augen ging er dann auch sogleich ein.
„Ja, weißt du, ich bin schon durch viele, viele Orte gekommen, aber gerade hier in der Nähe sind mir drei Orte besonders im Gedächtnis geblieben:
Im ersten Ort wohnt etwas außerhalb des Dorfes eine arme Familie, die ist so arm, dass ich mich fast schon schäme, nur ein paar Süßigkeiten und etwas Spielzeug für die Kinder dort lassen zu können. Viel lieber würde ich etwas zu essen und auch warme Kleidung dorthin bringen – aber als Nikolaus habe ich so etwas ja leider nicht. Die Kinder freuen sich natürlich über die Dinge, die ich ihnen bringe, aber ich sehe im Hintergrund ihrer Augen die Traurigkeit trotzdem durchschimmern.

Ja, und im zweiten Ort, da wohnt eine Familie mit einem behinderten Kind. Diesem Kind würde ich statt der Spielsachen und Süßigkeiten viel lieber ein paar Spielgefährten bringen. Denn da es ja behindert ist, wollen die anderen Kinder nicht mit ihm spielen. Und so ist es immer sehr einsam. Auch hier kann ich daher mit meinen üblichen kleinen Geschenken nur kurzfristig Freude bereiten.

Und im dritten Ort schließlich lebt eine Familie mit drei süßen kleinen Kindern, die von ihren Nachbarn geschnitten wird. Und das nur, weil sie vor wenigen Jahren neu in den Ort gezogen ist und etwas anders lebt als die anderen Einwohner, die schon von Geburt an in diesem Dorf leben. Auch hier können meine Geschenke leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein – die Traurigkeit über das Einsam- Sein mitten unter all den anderen Menschen kann ich auch hier leider nur kurzfristig vertreiben.

Sicher werde ich diese drei Familien auch dem Christkind noch besonders empfehlen, aber wir kommen ja beide nur einmal im Jahr, und dazu beide auch noch im gleichen Monat, da wir ja über die ganze Welt fahren. Und wenn wir hier alle lieben Kinder – das Christkind auch die erwachsenen Kinder“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu, „- besucht haben, dann müssen wir ja auch noch die Bewohner all der anderen Welten besuchen. So können wir eben leider auch nur einmal jedes Jahr kommen“, schloss der Nikolaus seinen Bericht.

Ich war ganz erstaunt, dass auch dem Nikolaus Probleme offensichtlich nicht fremd waren – und dass er gerade mir davon berichtet hatte.
Als ich wieder etwas sagen konnte, meinte ich dann zögernd:
„Und... wenn ich... dich... manchmal... vertreten würde? – Ich bin zwar nicht du, aber wenn ich als du dorthin käme, und das vielleicht einige Male im Jahr, dann könntest du ihnen praktisch öfter eine Freude bereiten – auch wenn du nicht selbst da bist?!“ –

„Ja – wenn du das für mich tun würdest, das wäre freilich wunderschön!“ rief der Nikolaus dann strahlend.
„Außerdem“, fuhr ich fort, gestärkt durch die ermunternde Reaktion des Nikolaus, „könnte ich mich ja auch sonst darum kümmern, dass die erste Familie etwas mehr Unterstützung bekommt – freilich ohne dass sie es als Almosen ansehen müsste -, dass das Kind in der zweiten Familie Spielkameraden bekommt – vielleicht werde ich dort ja auch mein Peterchen ab und zu hinbringen -, und dass schließlich die dritte Familie etwas mehr in die Dorfgemeinschaft einbezogen und angenommen wird – man könnte ja Gemeinschaftsveranstaltungen zum besseren Kennenlernen veranstalten -, na ja, ich werde mir da mal was einfallen lassen“, schloss ich meine gesprochenen Überlegungen ab.

„Ja – wenn du das tun könntest – das würde auch mir die eigene Freude beim Beschenken der Kinder wiedergeben. Denn bislang denke ich immer an diese Familien, wenn ich zu all den Kindern gehe, und dann freue ich mich zwar über ihr schüchternes Lachen und ihre strahlenden Kinderaugen, im Hintergrund aber sehe ich immerzu die traurigen Augen dieser anderen Kinder.
Das wäre wirklich herrlich – hab ganz lieben Dank dafür, dass du das tun willst!“
sagte der Nikolaus darauf herzlich zu mir.

„Aber nun muss ich langsam weiter. Meinen Knecht Ruprecht habe ich schon vorausgeschickt, um zu erkunden, wo überall liebe Kinder wohnen. Der wartet sicher schon auf mich. Also dann bis heute Abend!“, rief er mir noch zu, dann war er auch schon meinen Augen entschwunden – so schnell zogen ihn seine Rentiere.

Wenn da nicht die frischen Schlittenspuren gewesen wären, und wenn er dann am Abend nicht wirklich zu meinem Peterchen gekommen wäre – ich hätte bestimmt gedacht, ich hätte nur geträumt, das könnt Ihr mir glauben.

Dass ich aber von dieser Begegnung mit dem Nikolaus aber eben nicht geträumt habe, das habe ich spätestens schließlich dann gemerkt, als ich festgestellt habe, dass es diese drei Familien, von denen der Nikolaus mir erzählt hatte, wirklich gibt.....

Ach ja, übrigens: Eines der Rentiere, das den Schlitten des Nikolaus zog, hatte wirklich eine rote Nase!


©Wolf- Jakob Schmidt

Advent bedeutet ANKUNFT

Sibylle, ein älteres „Fräulein“ lebte alleine.
Kinder hatte sie nicht und viele Angehörige waren schon vor vielen Jahren von ihr gegangen.
Sie hatte nur noch die Bilder aus ihrer Erinnerung und die Fotos, die eine Vitrine zierten.
Aber eins war ihr noch geblieben: Die Katze, die ihr vor vielen Jahren zugelaufen war und die sie so sehr liebte. Eines Tages wurde das Tierchen krank und starb schließlich kurz vor Weihnachten, in den Armen seines Frauchens.
Sibylle sagte sich: „Nie mehr will ich mich so an ein Wesen gewöhnen. Nie mehr leiden, wenn ich es verlieren muss.“ Zudem zweifelte sie daran, dass sie sich dauerhaft um einen vierbeinigen Mitbewohner kümmern könnte.

Sie setzte sich in der unter Tränen in Eiseskälte auf die Terrasse, ihr Schluchzen war nicht mehr zu unterdrücken. Da kletterte ein kleines Mädchen über den Zaun, setzte sich zu der älteren Dame und fragte: „Warum weinst du denn?“ Sibylle dachte: „Dich hat mir der Himmel geschickt.“ Sie erzählte dem kleinen Mädchen, was sie bedrückte. Das Mädchen rückte immer näher, reichte Sibylle ein Taschentuch, hörte ihr zu und antwortete dann ganz leise: „Es gibt eine Familie, die aus Vater, Mutter, zwei Kindern, einem Hund und drei Katzen besteht, aber eine Katze kommt dort gar nicht zurecht. Sie wird von den anderen Katzen gemobbt.“ „Gemobbt?“, fragte Sibille gedehnt. „Was ist denn das?“ „Das Kind antwortete: „Das ist etwas, was viele Lebewesen erdulden müssen, die anders sind als die Norm.“ Die alte Frau antwortete sinnierend: „Woher hast du denn so viel Wissen und woher kannst du denn so eine so gehobene Sprache?“ „Ach“, entgegnete das Mädchen: „Ich lese viel, habe die Möwe Jonathan, die anderes flog als die anderen Möwen, gelesen und die Geschichte von dem Krebs, der rückwärts läuft. Ein lieber großer Freund von mir schreibt schöne Bücher und beschrieb, wie sich ein achter Zwerg fühlt.“ „Achter Zwerg?“, fragte Sibylle erstaunt. „Was bedeutet das?“ Das kleine Mädchen entgegnete: „Mein lieber großer Freund hat mir das erklärt. Es gibt Zahlen, die eine Bedeutung haben und dazu gehört auch die Zahl sieben. Bei dem Märchen Schneewittchen und die sieben Zwerge gibt es die Siebenzahl. Spricht man aber von einem achten Zwerg, so ist einer zu viel und passt nicht ins Gefüge.“ Sibylle war sprachlos, das Mädchen merkte es und sagte leise: „Ich höre auch gern zu, wenn ältere Menschen aus ihrem Leben erzählen. Aber meine Oma ist nicht mehr bei uns. Eines Tages ist Omi fortgegangen von uns - so wie deine Katze. Und sie sagte zu mir: „Ich werde, wenn ich dort oben im Himmel angekommen bin, dem Christkind sagen, es möge doch dafür sogen, dass eines Tages eine Oma ankommen wird, die du lieben und brauchen wirst. Und nun frage ich dich, willst du jetzt meine Oma sein?“ Tränen der Rührung überkamen Sibylle und sie fragte: „Warum ist denn eine Oma so wichtig für dich?“ Das Kind antwortete: „Ich habe eine gute Mami, aber sie hat kaum Zeit, sie ist alleinerziehend und muss viel arbeiten.“ Und dann setzte sie das Thema fort:
„Schau mal“, ich frage die Familie, die die alte Katze meiner Oma angenommen hat. Alle haben es gut gemeint, aber sie haben gemerkt, dort ist nicht der Platz, an den sie hingehört, sie ist der 8. Hausgenosse oder auch das 5. Rad am Wagen. Das Tier wird von den anderen Katzen wegen seiner Hilflosigkeit abgelehnt, die ihr besondere Zuwendung des Frauchens einbringt.“ „Aber besondere Zuwendung ist doch etwas Schönes“, antwortete Sibylle. „Ja, schon, aber so etwas führt oft zu Mobbing, das ist eine bekannte Tatsache.“, antwortete das Mädchen und es klang wissend. „Wir werden dem Tierchen seinen Platz geben, wo es hingehört.“, betonte das Mädchen. „Und der ist bei dir, das steht fest."

Einen Tag später klingelte es bei Sibylle, eine junge Frau stand Scheu vor der Türe und fragte: „Meinen Sie, Sie könnten unserer Katze eine neue Heimat geben? Sie fühlt sich bei uns nicht wohl. Mögen Sie es versuchen? Wir nehmen sie auch zurück, wenn es nicht klappen sollte und kümmern uns auch, wenn Sie mal nicht für sie sorgen können.“ Sibylle antwortete: „Dann machen Sie schnell, bevor ich es mir anders überlege.“ Und so geschah es. Die Katze wurde gebracht und erkannte die Heimat, nach der sie gesucht hatte, sofort.
Sibylle fragte das Kind fast schüchtern: „Meinst du, ich könnte deine Mami und dich mal zu einer Tasse Tee einladen?“ Die Augen des Kindes leuchteten wie helle Sterne. Das kluge Mädchen antwortete: „Ja, Ommalein, wir kommen, abwarten und Tee trinken.“
Und es blieb nicht bei einem Tee, mit der ANKUNFT kehrte die Weihnachtsstimmung ein. Vier Kerzen leuchteten am Adventskranz und das Kind jubelte: „Schaut mal, vier Kerzen! Eine für jeden von uns und doch zusammen in einem Kranz verbunden.“
Am Weihnachtsabend war eine kleine heil(ig)e Familie gegründet:
angekommen- angenommen.

© Elfie Nadolny

veröffentlicht in der Anthologie:
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Weitere schöne weihnachtliche Beiträge finden sich in den Weihnachtsanthologien des Elbverlages, Näherers unter http://www.elbverlag.de





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